Beiträge vom September, 2009

Abpfiff

Montag, 28. September 2009 15:20

Ein moosgrünes Blatt. Ebenmäßig glasiert. Mit ganz schlankem, sich in der Fuge verlierenden Stiel. Eingebettet in ein warmes, sandsteinhelles Ocker wie eine kostbare Gravur oder Intarsie.
Ihre Augen wanderten einen winzigen Schritt weiter. Zu einer ebensolchen, ebenmäßigen Schönheit. Alles geordnet. Ruhe. Wie in einer Kirche verlor sie sich, nach oben schauend, im Gewölbe des Jugendstilbahnhofs, folgte dem Deckenfries in seiner harmonischen Monotonie, bis die Arthrose ihrer Halswirbelsäule der Neigung des Kopfes schmerzhaft Einhalt gebot. Wie elektrisiert fuhr sie zusammen und stöhnte. Ganz leise.
Wie oft hatte sie diese Halle durchquert! Wie oft nach Kleingeld gesucht für den Fahrkartenautomaten. Sie hörte sein kurzes ‚Klick’ beim Eindruck der Tariftaste. ‚Klick’ – und nach dem Einwerfen des Geldes, das sie immer passend dabei hatte, ein Schnurren, wie von einer winzigen Spule. Stroh zu Gold. Lautlos glitt der Fahrschein in die Griffmulde. Im Aufdruck zogen sich winzige, kunstvolle Schlingen zentripetal in ein weißes, ovales Feld, das den Betrachter wie eine Abflussöffnung in die leere Tiefe rinnen ließ.

Wo Horst nur blieb!

Sie zog die heruntergerutschte Handtasche wieder auf die ungewohnte rechte Schulter. Seit ihr linker Arm anschwoll, beherzigte sie die vielen Faltblattratschläge und entlastete ihn, so oft sie daran dachte. [...]

Thema: Prosa | Kommentare (3) | Autor: Christoph Katz

Für Henriette

Montag, 14. September 2009 14:15

Wo gab es soviel Zeit?
Zeit um zu reden –
fast eine Ewigkeit.
Und beinah jeden

trafst du viel seltener als mich.
Wo bist du jetzt?
Du, die mir glich.
Nur elektronisch noch vernetzt,

gehst du jetzt unbekannt
durch Straßen, Lidos und Alleen
in einem weit entfernten Land.
Wie wird es sein, das Wiedersehen,

nachdem wir hier nicht wagten,
wo es so nah gelegen hätte,
zu sagen, was wir lautlos fragten?
Ach, Henriette.

Thema: Puppenmutter | Kommentare (0) | Autor: Christoph Katz

Schwindlig

Freitag, 11. September 2009 11:18

Auf manchen Wegen spüre ich,
wie meinem Engel schwindlig wird.
Wenn Sehnsucht durch die Nächte strich
und jeder Satz zum Reim gefriert.

Dann bin ich da und außer mir,
in mir ist nichts, das bleiben will.
Ich spür die Klinke jener Tür
zum Weltall. Alles ist so still

und unscheinbar vor jenem Tor
durch das sich jedes Sein verliert.
So oft stand staunend ich davor,
dass meinem Engel schwindlig wird.

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Schnitterlied

Freitag, 11. September 2009 11:17

Mondsichelmahd.
Träume fallen zuhauf.
Welchen – die Sonne naht –
hebe ich auf?

Tiefer, im Rahmen
der stillen Pupille,
schlafender Samen
von Herz und Wille.

Zeige mir, silberner Schnitter,
die Ernte zu lesen!
Dunkel ist es. Und bitter-
kalt bei den Sternen gewesen.

Thema: Schnitterlied | Kommentare (0) | Autor: Christoph Katz

Schatten in Arkadien

Freitag, 11. September 2009 11:16

für Paul Celan

Augen auf
und Augen zu,
ein neuer Tag,
bald hast du Ruh.

Die Zeit,
das Rote Meer,
wich lang zurück,
umspült die Füße schon.

Versteckt im Schatten
triffst du Sophrosyne,
die zarte, die durch Adoption
grad erst zu mir gekommen.

Der Morgen ist so ruhig,
so ohne jeden Ton
und bleich
wie „schwarze Milch“.

Wann ist sie ausgetrunken?
Sprich mir Auge
vom Iriskranz
der Bläue.

Thema: Schnitterlied | Kommentare (0) | Autor: Christoph Katz

Chance

Freitag, 11. September 2009 11:14

Unsere gestürzten Engel –
totentraurig
taumeln sie
ins Antlitz
unserer Feinde,
lassen sich
hassen
von Herzen.
Ihre einzige Chance.

Der Schrei des Habichts
über uns.
Stille mischt ihn
ins Blut.
Schon
flattert
das Herz.

Und wieder
landet einer
anderswo.
Achselzuckend
legen sich
Flügel an.
Versteckt,
voller Scham.

Thema: Schnitterlied | Kommentare (0) | Autor: Christoph Katz

Auf der Schwelle

Freitag, 11. September 2009 11:13

Geöffnet liegt sie vor uns: weit,
die Landschaft, karg möbliert
mit den Insignien der Zeit.
Wir gingen ungeniert

durch frisch geworfnes Heu
und hielten uns an jedes Hand,
herzklopfend. Keinem war es neu,
es war das alte stille Land

das Land, wo Milch und Honig fließt.
Noch träumst du und du witterst nur,
und während du stumm weiterziehst,
folgst du im Herzen einer Spur,

die unerhört zu finden ist.
Kein Laut erschallt im weiten Land.
Du wendest dich mit einer List
und hast im Dämmern dich erkannt.

Thema: Schnitterlied | Kommentare (0) | Autor: Christoph Katz

Wettereinbruch

Freitag, 11. September 2009 11:12

Es stürmt. Ganz unversehens. Die Böen blättern
in Karten auf Terrassentischen.
Die Gäste sind ins Inn’re der Cafés gefloh’n
bevor der finst’re Himmel sich entleert.

Auf unsichtbaren Wendeltreppen klettern
verwelkte Blütenblätter himmelwärts, verwischen
das Sediment des Sommers und ein scharfer Ton,
ein trock’ner Husten hat den Platz gekehrt.

Ich sitze noch verwaist bei meiner Tasse,
der Cappuccino ist grad halb getrunken,
die Sahne friert, der Wolkenturm hat sie verdunkelt.
Ich halte Wache für das Xylophon

der Gläser, auf dem leis der Regen spielt und fasse
die Krempe meines Huts, noch ganz versunken
in jenes Licht, das in den Tropfen funkelt
und gehe irgendwann durchnässt davon.

Thema: Nur für einen Moment | Kommentare (0) | Autor: Christoph Katz

Vaison la Romaine

Freitag, 11. September 2009 11:11

Hellstes Licht. Und eine Stille,
die wie ein Pilaster trägt.
Träumend ausgestreckter Wille,
der Form gegen Farbe wägt.

An den Kirchengiebeln Fratzen,
Unkraut aus den Ritzen quillt.
Sandsteinmauern, darauf Katzen,
braun verstaubt ein Straßenschild.

Lass uns bei der Feige bleiben,
dort im Schatten lass uns ruh’n.
Federleichte Wolken treiben.
Alles bleibt uns noch zu tun!

Erst im Streit mit den Zikaden
fällt der Zeittakt jetzt zurück.
Kinder in den Brunnen baden.
Suchst du – findest du dein Glück.

Thema: Nur für einen Moment | Kommentare (0) | Autor: Christoph Katz

Letzter Urlaubsabend

Freitag, 11. September 2009 11:10

Eine Windbö jagt die and’re,
Haselbusch- und Erlenzweige
schreiben rauschend kalligraphisch,
wie mit schnell geführter Feder
Zeichen, die sich gleich verlier’n.

Unbeirrt von diesem Treiben
sitzen in dem hohen Rasen
die Kaninchen halb verborgen.
Und die Vögel blättern flüchtend
einen neuen Abend auf.

Während ich durchs Zimmer wand’re
geht das Licht ganz sacht zur Neige.
Wind beruhigt sich, melancholisch
seufzt ein Luftzug hin und wieder.
Leise klappern uns’re Tür’n.

Kurz nur konnten wir hier bleiben,
doch die Zeichen, die wir lasen,
halfen, fahren wir auch morgen.
Und erneut das Dunkel lichtend
nimmt der nächste Tag den Lauf.

Thema: Nur für einen Moment | Kommentare (0) | Autor: Christoph Katz