Beitrags-Archiv für die Kategory 'Prosa'

Nachlaß

Montag, 26. Oktober 2009 11:56

„Marius schlich sich auf Zehenspitzen durch den Garten. Langsam, damit der Kiesweg nicht knirschte. Es mochte eine Stunde nach Mittag sein. Der Innenhof des Hauses konnte sich vor der einfallenden Sonne nicht mehr verbergen.
Marius grinste. Verschluckte ein glucksendes Lachen. An Hemd und Hose hingen Grashalme, ein paar Blütenblätter. Er hatte im Gras gelegen und gedöst, als sie vorüberkam. Hinter den Rosenhecken hatte sie ihn nicht gesehen. Und er hatte keinen Ton von sich gegeben. Dann war sie im Garten verschwunden. Bestimmt in der Laube, bei den hochgewachsenen Fliederbüschen. Er wußte, daß sie sich gern sonnte. Und daß sie dabei gern unbeobachtet blieb. Versonnen verharrte Marius einen Augenblick. Ein Schimmer flog über seine Augen, wie eine flüchtige Glasur, unauslotbare Tiefe hinterlassend.
Manchmal hatte er das Gefühl, sie kaum zu kennen. Andere hätten vielleicht darüber gelacht. Es kümmerte ihn nicht. Etwas Besonderes war sie für ihn. Unfaßbar. Immer wieder entzog sie sich seinem Verständnis. Wie beschrieben in vielen Chansons. Binsenweisheiten ! […]

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Abpfiff

Montag, 28. September 2009 15:20

Ein moosgrünes Blatt. Ebenmäßig glasiert. Mit ganz schlankem, sich in der Fuge verlierenden Stiel. Eingebettet in ein warmes, sandsteinhelles Ocker wie eine kostbare Gravur oder Intarsie.
Ihre Augen wanderten einen winzigen Schritt weiter. Zu einer ebensolchen, ebenmäßigen Schönheit. Alles geordnet. Ruhe. Wie in einer Kirche verlor sie sich, nach oben schauend, im Gewölbe des Jugendstilbahnhofs, folgte dem Deckenfries in seiner harmonischen Monotonie, bis die Arthrose ihrer Halswirbelsäule der Neigung des Kopfes schmerzhaft Einhalt gebot. Wie elektrisiert fuhr sie zusammen und stöhnte. Ganz leise.
Wie oft hatte sie diese Halle durchquert! Wie oft nach Kleingeld gesucht für den Fahrkartenautomaten. Sie hörte sein kurzes ‚Klick’ beim Eindruck der Tariftaste. ‚Klick’ – und nach dem Einwerfen des Geldes, das sie immer passend dabei hatte, ein Schnurren, wie von einer winzigen Spule. Stroh zu Gold. Lautlos glitt der Fahrschein in die Griffmulde. Im Aufdruck zogen sich winzige, kunstvolle Schlingen zentripetal in ein weißes, ovales Feld, das den Betrachter wie eine Abflussöffnung in die leere Tiefe rinnen ließ.

Wo Horst nur blieb!

Sie zog die heruntergerutschte Handtasche wieder auf die ungewohnte rechte Schulter. Seit ihr linker Arm anschwoll, beherzigte sie die vielen Faltblattratschläge und entlastete ihn, so oft sie daran dachte. […]

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