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	<title>Christoph Katz WeBlog &#187; Prosa</title>
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	<description>Gedichte und mehr...</description>
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		<title>Nachlaß</title>
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		<pubDate>Mon, 26 Oct 2009 09:56:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christoph Katz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>

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		<description><![CDATA[„Marius schlich sich auf Zehenspitzen durch den Garten. Langsam, damit der Kiesweg nicht knirschte. Es mochte eine Stunde nach Mittag sein. Der Innenhof des Hauses konnte sich vor der einfallenden Sonne nicht mehr verbergen. Marius grinste. Verschluckte ein glucksendes Lachen. An Hemd und Hose hingen Grashalme, ein paar Blütenblätter. Er hatte im Gras gelegen und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Marius schlich sich auf Zehenspitzen durch den Garten. Langsam, damit der Kiesweg nicht knirschte. Es mochte eine Stunde nach Mittag sein. Der Innenhof des Hauses konnte sich vor der einfallenden Sonne nicht mehr verbergen.<br />
Marius grinste. Verschluckte ein glucksendes Lachen. An Hemd und Hose hingen Grashalme, ein paar Blütenblätter. Er hatte im Gras gelegen und gedöst, als sie vorüberkam. Hinter den Rosenhecken hatte sie ihn nicht gesehen. Und er hatte keinen Ton von sich gegeben. Dann war sie im Garten verschwunden. Bestimmt in der Laube, bei den hochgewachsenen Fliederbüschen. Er wußte, daß sie sich gern sonnte. Und daß sie dabei gern unbeobachtet blieb. Versonnen verharrte Marius einen Augenblick. Ein Schimmer flog über seine Augen, wie eine flüchtige Glasur, unauslotbare Tiefe hinterlassend.<br />
Manchmal hatte er das Gefühl, sie kaum zu kennen. Andere hätten vielleicht darüber gelacht. Es kümmerte ihn nicht. Etwas Besonderes war sie für ihn. Unfaßbar. Immer wieder entzog sie sich seinem Verständnis. Wie beschrieben in vielen Chansons. Binsenweisheiten !<span id="more-278"></span></p>
<p>Marius hielt sich für einfühlsam. Und dann waren doch immer wieder Momente aufgetaucht, in denen er nicht mehr weiterwußte. Dann stand er vor seinem Rätsel und den nur zu gut bekannten Weisheiten mit den leeren Händen des guten Willens allein. Es hatte lange gedauert, bis er erkannte, daß er aus leeren Händen nichts verlieren konnte.<br />
Oft, wenn er unversehens ihre Haut berührte, kroch ein Schauer an ihr aufwärts. Stellte ein Regiment von Flaumhaaren auf. Dann zuckte sie sacht zusammen. Wie aufgestöbertes Wild. Sie sagte, sie verstehe es selbst nicht. Hinter ihr stehend, lächelte Marius dann.<br />
Er erspähte sie, die Augen zu einem Spalt zusammenkneifend an ihrem Lieblingsplatz. Fast blätterverdeckt. Der Wind drehte ihre Locken vorsichtig aus der gepflegten Frisur heraus. Wirbelte weiter und warf mit warmer Hand unendlich weich gewordene Rosenblätter wie Chips auf das Spielfeld der Terrasse.<br />
Die Augen waren ihr zugefallen, die Seiten ihres Buches verschlagen. Sein Blick fuhr die Konturen ihres Gesichtes vor dem Mittagshimmel ab, blieb hängen und verlor sich in Erinnerungen. Er hätte nicht sagen können, was ihm in diesem Augenblick durch den Kopf ging. Vergangenheiten ballten sich sekundenschnell zu Kumuluswolken der Vertrautheit. Auf ihnen ließ er sich durch die Gegenwart segeln. Zwischen Himmel und Erde eine Spur von Schweben.<br />
Das bunt bedruckte Baumwollhemd quoll ihm übermütig aus der viel zu weiten Hose. Bloße Füße lugten aus ausgebeulten Hosenbeinen. Seine Brille war längst wieder einmal verbogen. Das Regenwasserbecken passierend, schien ihm sein Spiegelbild zitternde Lachsalven an den Rand zu werfen. Marius schlich behutsam weiter. Fast lautlos. Jetzt hatte er den Rasen erreicht. Das blühende Gras kitzelte in den Zehenzwischenräumen. Er mochte das. Am liebsten in der Kühle des Morgens. Herrlich, von den Füßen aufwärts wach zu werden ! Ganz und gar erdverbunden. Kleinigkeiten. Und doch: er wußte, daß sie ihn durch den Tag begleiteten. Heimlich. Und ihre Finger zwischen die sogenannten großen Dinge hielten.<br />
Weiter. Über die Steinplatten. Die sanfte Böschung hinab. Noch ein paar Meter. Er zügelte seinen Atem. Ganz ruhig näherte er seine Hände ihren Augen, verschattete ihre Lider, nahm ihren Blick unwiderruflich gefangen und zwang ihrer Nase einen Kuss auf.<br />
Sie erschrak, fuhr zusammen. Das Buch plumpste unelegant zu Boden. ‘Du Ekel’, stieß sie hervor. Blinzelte ihn wütend an. Die Sonne glitzerte in ihrem geöffneten Haar. Dann gab sie ihm einen liebevollen Boxhieb. ‘Mach sofort Tee ! Zur Strafe !’<br />
Marius lachte. ‘Was haste’ denn geträumt ?’<br />
‘Davon, wie lieb du damals warst !’<br />
Er kniff sie in den Arm und trollte sich zufrieden lächelnd ins Haus.<br />
Damals, dachte er, und sein Blick verlor sich wieder. Weit fort. Zwischen Kumuluswolken.<br />
9.8.“</p>
<p>Sibille legte das Manuskript aus der Hand. Weiches, an den Ecken angestoßenes, leicht vergilbtes Papier. Wie lange mochte es hier liegen, seit Vater das geschrieben hatte ? Das Manuskript war auf kein Jahr datiert. Es mußte älter sein. Dem Papier nach zu urteilen. Und auch der Schrift zufolge. Denn in den letzten Jahren war Vaters Schrift unruhig geworden. Fahrig. Auf diesen Seiten waren noch Schwung und Strenge.<br />
Sie wußte schon lange, daß Vater von Zeit zu Zeit schrieb. ‘Schrieb’, das hieß Gedichte und Prosa. Wenn man das so nennen konnte, was am Ende herauskam. Ihr stand kein Urteil zu. Vater sprach selten, fast nie darüber. Trotzdem schien ihm das Schreiben Bedürfnis zu sein.<br />
Als Kind wunderte sie sich, wenn sie ihn antraf, auf’s Papier starrend, den Stift reglos in der Hand, oder in die Ferne schauend, wo sie nichts Sehenswertes erspähen konnte. Sie fragte sich dann, ob er Aufsätze schrieb, wie sie in der Schule. Aber wozu ? War doch seine Schulzeit kaum mehr vorstellbar. Und doch wirkte er wie ein uralter Schüler mit seinem nach langem Nachdenken plötzlich heftig dahinfliegenden Bleistift.<br />
Sie selbst schrieb ungern. Quälte sich an jedem Brief. Und je mehr sie sich Mühe gab, desto schwerfälliger wälzte sich jede Zeile auf das Papier. Als würden Worte sie festlegen, greifbar machen, was doch gar nicht greifbar war, noch nicht einmal klar denkbar. Mißverständnisse schienen vorprogrammiert. Selbst am Telephon war sie einsilbig. Konnte nicht einmal in die akustische Flüchtigkeit hinein eigen anmutende Schritte setzen.<br />
Mit der Zeit hatte sie sich damit abgefunden. Wie man sich an eine Narbe gewöhnt. Eine unliebe, die man störend empfindet und doch nicht verschwinden lassen kann.<br />
Was mochte Vater bewogen haben, diese Geschichte zu schreiben ? Sie versuchte sich ihrer Empfindungen klar zu werden, so wie sie einen Schluck Wein versuchte einer Landschaft zuzuordnen. Was hinterließ sie ? Da war etwas Gefälliges, Liebes, Harmonisches. Und vielleicht eine Spur Schweres. Nicht dezidiert ausgesprochen Schweres, eher angedeutetes. Sie vermißte irgendetwas Markantes. Was blieb denn nach dem Lesen ? Hatte es sich für sie gelohnt, Vaters Geschichte zu lesen ?<br />
Warum überhaupt, dachte Sibille, fangen Menschen an zu schreiben. Sie wußte es nicht. Konnte nur vage mutmaßen und fand selbst dafür keine Worte. Noch während sie sich die Frage stellte, sprachen neue Unklarheiten vor. Namen berühmter Schriftsteller prasselten wie Regen in ihre Nachdenklichkeit. Wie oft hatte sie selbst große Werke bewundert. Wie mochten sie entstanden sein ? An welchen Tischen, zu welchen Tageszeiten, in welchen Lebensjahren, bei welchen Stimmungen ? Was hatte sie ‘groß’ gemacht ? Und waren sie ‘groß’ von Anfang an ?<br />
Wann lohnte es, etwas zu schreiben, wann etwas zu lesen ?</p>
<p>Sie erinnerte sich an frühe Tagebucheintragungen. Mit Feuereifer hatte auch sie in Jugendjahren schön eingebundene Hefte gefüllt. Hatte Alltägliches als wertvoll empfunden und später mit Scham gelesen. Das ehemals Wertvolle erschien ihr nun lächerlich, nicht erwähnenswert, entstellend. Aber konnte man überhaupt mit den Gedanken und Gefühlen von heute auf etwas zurückblicken, das so lange zurücklag und unter ganz anderem Sternenlicht geschrieben wurde ? Und ist es dann nicht auch besser, das Vergangene ganz vergangen sein zu lassen ? Es gar nicht versuchen wollen zu halten, es wie Sand in den Händen zerrinnen zu lassen ? So wie das Leben ? Nicht resignativ, einfach ergeben. Warum eine Spur hinterlassen zu Orten, die man selbst nicht mehr betreten kann und die andere nicht interessieren ?</p>
<p>Sie war jetzt sechsundvierzig. Im Vollbesitz ihrer Kräfte. Vielleicht gerade noch. Eigentlich gab es nichts, was ihr das Altern deutlich werden ließ. Von ihren ergrauenden Haaren abgesehen.<br />
Sie war nicht kreativ. Sie verabscheute all die zahllosen Angebote zum ‘Do- it- yourself’- Künstler zu avancieren, wie sie von allen möglichen Institutionen angeboten wurden. Sie schrieb nicht, malte nicht, machte keine Musik und legte auch keinen kunstvollen Garten an. Ihre Wohnung war karg, nüchtern, funktional. Sie mochte es, daß der Blick an nichts hängenblieb, einfach weiterglitt, langsam im Kreise herumging, um sich immer schneller zu drehen, bis er sich wirbelnd im Leeren verlor.<br />
Für wen hatte Vater geschrieben ? Ihres Wissens war er nie an die Öffentlichkeit getreten. Was würde sie finden beim Aufräumen ? Ein ‘Gesamtwerk’ ?<br />
Damals, als Mutter starb, hatte Margret den Nachlaß geordnet. Soweit das erforderlich war. Denn Vater hatte Margret zwar um Hilfe gebeten, hatte aber die wesentlichen Dinge unverändert gelassen, Wohnung und Mobiliar. Kleidung und Behördenangelegenheiten waren zu ordnen gewesen, Dinge, denen Vater sein ganzes Leben lang feindlich gegenüberstand.<br />
Jetzt aber war es an ihr, das Sediment von fünf Jahrzehnten aufzurühren, zu filtern und aus dem Bodensatz wohlmöglich ihre eigene Zukunft zu lesen. Sie wäre dieser Aufgabe gern aus dem Wege gegangen. Nicht, weil es ihr lästig war, viel Arbeit. Es rührte sie an, die absichtslose Stille zu verlassen, ihre ihr nicht einfach zugefallene Gleichmütigkeit.<br />
Margret war weit. Verheiratet in Südfrankreich. Dort, wo der berühmte Namensvetter ihres Vaters sich mit den Kimbern und Teutonen herumgeschlagen hatte.<br />
Sie konnte sich der Aufgabe nicht entziehen. Und während sie sich anschickte zu sichten, was da auf sie zukam, spürte sie sich zu einem Raum werden, seltsamen Raum, in dem verhallende Rufe herumirrten, ihres Echos ungewiß. Und widerwillig hörte sie sich Antworten geben. Ja, sie erinnerte sich. Und sah sich mit weicher Hand auf Spuren gezogen.</p>
<p>Sibille war Richterin. Und sie war es gern. Liebte es Angelegenheiten zu ordnen, zu klären, festzulegen. Selten gab es Dinge, die nicht mit Hilfe ihrer Gesetzes- und Verordnungssammlungen zu regeln waren. Das Regelhafte beruhigte sie. Und es hatte Relevanz. Einklagbare. Überdauernde. Und selbst wenn sich das Recht änderte, waren Entscheidungen im nachhinein als richtig zu klassifizieren. Unter dem Gesichtspunkt des damals Gültigen.</p>
<p>Was Vater da beschrieben hatte &#8211; war das nicht Alltägliches ? Eine Stimmung, wie sie ungezählte Paare immer wieder erleben ? Was hatte ihn bewogen, diese Alltäglichkeit schriftlich niederzulegen und dann in einem Pappordner zu sammeln ? Ohne exaktes Datum, ohne Überschrift. Sie fühlte sich irritiert. Wechselte wie magisch gelenkt den Blickwinkel.<br />
Gab es solche Pappordner bei ihr ?<br />
Sie hoffte nicht. Außer in Form ihrer Entscheidungen und Unterschriften. Und die waren nicht eigentlich an ihre Person gebunden. Sie geriet, das spürte sie, in einen zunächst langsam kreisenden Strudel widersprüchlicher Gefühle. Da war Zufriedenheit, ja, über ihre absehbare, übersehbare Existenz. Aber da war auch etwas wie Bitterkeit über diese selbe Existenz und so etwas wie gekränkt wirkende Arroganz. Als sei es eine Zumutung, diesem Leben ausgesetzt zu sein. Indem sie es reduzierte auf Regelhaftes, Absehbares, demütigte sie das Leben, denunzierte einen verschwommen wahrgenommenen Auftrag an tödliche Gleichförmigkeit.<br />
War sie überfordert ? Zu ohnmächtig ? Sollte sie etwa dieses Leben lieben ? Sie schauderte. Sie kannte diese Stimmung der tiefgründigen Einsichten aus den verführenden Klappentexten populärwissenschaftlicher Psychologietaschenbücher.<br />
In der Ferne hörte sie Verkehrslärm. Gedämpft durch Thermopanescheiben. Sonst herrschte Stille. Sie ließ den Blick schweifen und entdeckte, daß sich ihre eigene Wohnung im Stil gar nicht so wesentlich von der ihrer Eltern unterschied.</p>
<p>Noch einmal nahm sie das Manuskript auf. Vater hatte von sich in der dritten Person geschrieben. Seltsam. Ob das sein Stil war ? Sie hatte nie etwas von ihm gelesen. Bisher. Ist das etwas Typisches für Schreibende ? Distanz gewinnen zu wollen zu sich selber und doch nie wirklich den megalomanen Anspruch des Größenselbst zu verlassen ?<br />
Sie runzelte die Stirn. Unmöglich. Das mochte bestenfalls beruflich gelingen, dieser Ansatz von Distanz. Sie dachte an Urteile. (‘Ergeht im Namen des &#8230;. folgendes Urteil &#8230;.’) Ja, da wurde auch Distanz geschaffen. Wurde zugunsten der Regel das Persönliche eliminiert. Wie lächerlich das klänge, sie mußte leise lachen, wenn sie sich vorstellte: ‘im Namen von Sibille Hartmann ergeht folgendes Urteil &#8230;’<br />
Aber hier ? In dieser kleinen, von Vater beschriebenen Szene erschien ihr die Distanz zum Ich seltsam. Sie stellte sich vor: Vater schrieb über ‘Marius’. Und aus der dritten Person heraus entstand eine urpersönliche Szene, eine Vertraulichkeit, die der in der Form vorgeführten Distanz Hohn sprach.</p>
<p>Sie kam in ihren Gedanken nicht weiter. Warum überhaupt hielt sie sich so lange auf damit ? Sie ging in die Küche und machte sich einen Tee. Die Autofahrt war lang gewesen. Nach Dienstschluß war sie ohnehin müde. Jetzt würde sie drei Tage Zeit haben, fast drei Tage. Ein ganzes Wochenende.<br />
Sie suchte Tee und fand Vaters Lieblingsdarjeeling am alten Platz. Sie selbst liebte eher etwas Kräftiges, einen Assam zum Beispiel. Die Farbe der Tasse mußte tief dunkelbraun sein.<br />
Auf dem Teenetz, das so lange sie denken konnte über der Spüle hing, war ein leichter Staubbelag. Wann war es zuletzt benutzt worden ? Zu welcher Tageszeit ? Wer hatte das Wasser aufgesetzt ? Sie wunderte sich, daß sie sich für eine so banale Sache interessierte.<br />
Das Wasser lief glucksend in den Kessel. Leise klickte der Schalter der Herdplatte. Jetzt würde es etwa drei Minuten dauern, bis ein langsam anschwellendes Brausen sich verdichten und in einen harmonischen, aber lauten Pfeifton münden würde.<br />
Lautlosigkeit ringsum. Nicht einmal das Ticken einer Uhr. Was tun ? Die drei Minuten nutzen? Lächerlich. Sie ‘bewußt’ verstreichen lassen ? Noch lächerlicher !<br />
Sie fühlte sich plötzlich ausgeliefert. Diese Lautlosigkeit war unüberbrückbar. Sie konnte sie übertönen, von Zimmer zu Zimmer gehen mit kräftigen Schritten, konnte Türen geräuschvoll öffnen und würde doch nur den Widerhall der Lautlosigkeit hören.<br />
Sie fand ihre Gedanken übertrieben. Es war Freitagnachmittag. Sie stand in der Wohnung ihrer Eltern und kochte Tee. Das war weiter nicht erwähnenswert.<br />
Aber, so erhob sich listig eine Stimme erneut in ihr, was war denn eigentlich erwähnenswert ?<br />
Sie ließ ihren Blick herumirren. Alte Zeitungen lagen gestapelt auf einem Ende des Küchentisches. Es war gar nicht Vaters Art, sie so liegen zu lassen. Was war passiert in den letzten Wochen ?<br />
Jetzt tauchte aus der Tiefe der Lautlosigkeit endlich ein zartes Brausen auf und verdichtete den Raum zu handgreiflicher Normalität. Sie erhob sich.<br />
Oben auf dem Packen der Zeitungen das Photo eines Preisträgers. Bundesverdienstkreuz. Nein, das war nicht das, was sie als Antwort suchte. Weder erwartete sie Berühmtheit noch ein öffentliches Gelobtwerden. Nicht bei sich und nicht bei anderen.</p>
<p>Sie goß den Tee auf. Heiße Dämpfe stiegen auf. Bildeten ein kunstvolles Geflecht, um sich vielleicht vierzig Zentimeter höher, viel zu schnell, als daß ihre Schönheit zur Geltung gekommen wäre, wieder in nichts aufzulösen.<br />
Sie stellte den Küchenwecker auf zwei Minuten. Dann mußte der Tee alle seine Fähigkeiten an Farbe, Geschmack und Geruch gegeben haben.<br />
Wie oft hatte sie Vaters Tee mitgetrunken. Er kochte am Nachmittag eine riesige Kanne, aus der sich jeder bedienen durfte. War sie leer, wurde eine neue angesetzt. Die Teesorte wechselte Vater selten. Das Ergebnis war berechenbar.</p>
<p>Sie nahm eine Tasse aus dem Schrank und ging wieder ins Wohnzimmer zurück. Trank im Gehen, wie es ihre Vorliebe war. Ihr Blick wanderte halb absichtslos, halb suchend über Mobiliar und Regale.<br />
Wieviele Bücher mochten hier stehen ? Sammlung zweier Menschenleben. Wie in einer Bibliothek herrschte Ordnung. Mutter war vollkommen frei von Pedanterie gewesen, Vater versuchte sie sich nicht anmerken zu lassen.<br />
Es gab Regalabteilungen für Philosophie, Religionen der Völker, klassische und moderne, deutsche und ausländische Literatur, Lyrik und vieles andere mehr. In jeder Abteilung waren die Bücher nach Autoren alphabetisch geordnet. Und akribisch, wenn auch heimlich, wurden fehlgesteckte Exemplare von Vater wieder an den zugehörigen Platz gestellt.<br />
Seine Ordnung in den Bücherregalen schien ihr typisch für ihn.<br />
Sie dachte an eins von Vaters Lieblingszitaten, Erasmus von Rotterdams „ex paucis multa, ex minimis maxima conicere“ &#8211; aus Wenigem Vieles, aus dem Kleinsten das Größte vermuten.<br />
Vater war enthusiastischer Beobachter gewesen. Aus wenigen Kleinigkeiten machte er sich ein erstaunlich zutreffendes Bild. Mutter, mit ihrer künstlerisch gestalterischen Begabung war eher in der Welt als Ganzer zuhause. Genoß das Seiende, wie es sich im Moment darstellte, war nicht so neugierig auf das Wesen der einzelnen Dinge im Kern.</p>
<p>Was bedeutete Vaters kurze Geschichte ? ‘Ex paucis multa &#8230;’ &#8211; wollte er auf die Wichtigkeit heimischer Idylle hinweisen ? Er, der so ein unruhiger Geist gewesen war, sich mit nichts zufrieden geben konnte und beruflich und privat immer die Wanderschuhe parat hatte ?<br />
Wenn sie an ihre Kindheit und Jugend dachte, an Vaters gelegentliche Erzählungen, empfand sie ihn wie einen Zugvogel. Aber vielleicht, ja, vielleicht war das nur die nach außen getarnt in Erscheinung tretende Angst vor dem Aufbruch, ihm selbst verborgen natürlich. Vielleicht war er innerlich der Idylle verhaftet und verriet sich schreibend?<br />
Draußen, wenn Vater im Garten arbeitete, Sträucher beschnitt und Beete ordnete, hörte sie ihn häufig Fragmente seiner Lieblingsgedichte zitieren. ‘Kaiserkron und Päonien rot, die müssen verzaubert sein &#8230;’ War hier des Rätsels Lösung ? Für einen Eichendorff- Liebhaber war das ja ein ganz hübsches Geschichtchen, was jetzt vor ihr lag. Wenn sie Eichendorff verstand. Sie mied ihn bewußt. Etwas an ihm bereitete ihr Unbehagen.</p>
<p>Sie stellte die Tasse ab. Ging zurück zu Schreibtisch und Schublade, wo sie den Pappordner mit der Geschichte gefunden hatte. Beinahe mit einer Art Ehrfurcht, vielleicht besser Berührtheit, schaute sie in weitere Ordner. Einzelne Verse fand sie dort, Gedichtanfänge. Zum Teil sicher uralt. Merkwürdig. Daß Vater sie so lange gehütet hatte. Als wäre selbst das Fragment einer Erkenntnis eines einzelnen Menschen ein unverwerfbarer Schatz.</p>
<p>Sie seufzte. Wieviel Mühe hatte es sie gekostet, sich immer und immer wieder von ihrer Vergangenheit zu trennen. Regelmäßig durchforstete sie Schränke und Schubladen und warf alles fort, was keine erkennbare Relevanz mehr für sie besaß. Für wen hätte sie es aufheben sollen ? Sie lebte allein. Zuviel persönlicher Besitz schien ihr verdächtig, schien ihr Fetisch zu sein. Und die heiß und innig umworbene Geliebte, die Zeit, schritt achtlos weiter, ohne Blick für Nachlass und Epitaph.<br />
Auf einmal überfiel sie eine unglaubliche Lähmung. Sie saß auf dem alten ledernen Schreibtischsessel, die Pappordner in ihren Händen sanken in ihren Schoß und ihre Augen verloren den Halt. Und sie fanden ihn nicht wieder im Leeren.<br />
Ja, jetzt wirkte es schon, das Curare der Bezogenheit. Und die Wirkung breitete sich überallhin aus. Überall entdeckte sie Bezüge, Erinnerungen, Gefühle. Wohin sie schaute, taten sich Welten auf, die sie lange nicht mehr gesehen hatte, weil sie nicht mit der Zeit kokettierte, sondern sich seit langem mit ihr identifizierte.<br />
Jetzt war plötzlich eine Zäsur gesetzt. Diese drei Tage waren wie ein Einschreiben mit Rückschein an sie adressiert worden. Sie konnte das Eintreffen nicht verleugnen. Es war sozusagen amtlich. Ehrenamtlich.</p>
<p>Mit einem Ruck erhob sie sich. Legte die Pappordner auf den Schreibtisch und nahm ihre Wanderung durch das elterliche Wohnzimmer wieder auf.<br />
Vor der Geographieabteilung blieb sie stehen. Wie Endmoränen lagerten dort Reiseführer, Karten und Bildbände als Zeugen der Reisefreudigkeit ihrer Eltern. Was hier stand, würde sie übernehmen. Margrets Einverständnis vorausgesetzt. Obwohl &#8211; der Anblick der vergilbten Buchschnitte ließ sie zweifeln. Vieles war sicher überholt, ganz bestimmt wären es die Karten, bis sie sie bräuchte. Andererseits: was änderte sich am Sehenswerten einer Region, eines Landes ? Sie konnte sich nicht entscheiden, was mit dieser Abteilung zu tun war.</p>
<p>Vielleicht hätte sie eher Interesse an Philosophie. Die Philosophiebücher wirkten zeitloser, seriöser, in größerer Zahl leinengebunden, ohne die Gebrauchsspuren, die den Reiseführern den impulsiven Umgang mit ihnen ansehen ließen.<br />
Willkürlich zog sie ein in einem auffälligen, aber angenehmen Lilaton eingebundenes Taschenbuch aus dem Regal: ‘Die gesellschaftlichen Leiden und das Leiden an der Gesellschaft’. Sie überflog das Inhaltsverzeichnis, blieb hängen: ‘Das gesellschaftliche Normengefüge als Hierarchie von Relevanzbereichen und Typisierungsschemata’. Oh, Vater ! Was hatte er dort alles stehen neben dem deutschen Grundinventar von Kant bis Nietzsche und Adorno ! Nein, das war ihr dann doch zu anstrengend. Niemals würde sie sich in diese Bücher vertiefen, jedenfalls höchstens in den kleineren Teil davon.</p>
<p>Irritiert goß sie sich Tee nach, trank unaufmerksam, verschluckte sich und prustete eruptiv einen Tröpfchenregen über Mutters hellen Kelim. Gut, daß sie das nicht sah. Sah sie es nicht ? Man stelle sich vor, sie sähe es ! Seltsamer Gedanke. Sie konnte sich langsam vorstellen, wie Menschen nach längerer innerer Zwiesprache Spukgeschichten erfinden.</p>
<p>Draußen wurde es dämmerig. Die Laternen flammten auf. Routiniert schritt sie zu den Rolläden und verdunkelte das Wohnzimmer. Sie konnte es nicht leiden, wenn andere in ihren intimen Bereich hineinschauen konnten. Auch wenn sie zugeben mußte, daß sie bei abendlichen Spaziergängen in Holland von der selbstverständlich gewährten Einblicksmöglichkeit in alle Zimmer fasziniert war.<br />
Jetzt, allein in der Wohnung, mit heruntergelassenen Rolläden, fühlte sie sich plötzlich nicht nur sicher sondern inkubiert.</p>
<p>Sie fand sich neben Vaters Lateinbüchern. Zum Teil stammten sie noch aus seiner Schulzeit. Nun, die würde sie sämtlich zum Altpapier geben. Was sollte jemand mit seinem alten Livius anfangen ? Vater selbst hatte über diese langweilige Lektüre gestöhnt, als auch sie im Laufe ihres Lateinunterrichtes bei ‘ab urbe condita’ landete. Sie fingerte das verblichene Heftchen aus der Reclamecke, wo es mit Scharen seinesgleichen eingepfercht war.<br />
Ja, da stand Vaters Vorname auf dem Deckblatt. Fast wie Mimikry, grinste sie. ‘Marius’ auf Livius und Tacitus. Sie ließ die Seiten an ihrem Daumen entlangblättern. Überall waren Vokabeln eingeschrieben, Übersetzungsvermerke, aber auch kritzelige Zeichnungen, Ulk. Schülerblödsinn. Hefe des Unterrichts. Sie erinnerte sich. Das Bändchen war ihr früher schon einmal in die Hände gefallen. Und mit jener unschuldigen Sensationslust, mit der man Zeitungswitze liest, vertiefte sie sich in Vaters Version von ‘ab urbe condita’. ‘Didi’ fiel ihr ein. Vaters alter Lateinlehrer. Was hatte Vater nicht alles von ihm erzählt ! Sie sah ihn noch vor sich, wie er, seine Lateinbücher anschauend, plötzlich anfing zu kichern, laut loslachte und dann wieder verstummte, ohne daß irgend jemand ihm auf den Spuren seiner Heiterkeit folgen konnte.</p>
<p>Die Dinge hatten offensichtlich einen Wert über den Augenschein hinaus. Waren in ein unsichtbares Feld von materiellen und immateriellen Assoziationen verwoben. Vieles, ja das meiste sogar würde mit dem Fortfall des besitzenden Individuums des erst seinen Wert konstituierenden Konnotationsfeldes beraubt. Selbst aufrichtige familienarchäologische Ambitioniertheit würde nur einen fahlen Schein dessen aufleuchten lassen, was von dem ursprünglichen Besitzverhältnis ausgegangen war. Es würde ein neues Licht entstehen. Neues Konnotationsfeld. Neues Geheimnis.</p>
<p>Sollte sie Vaters Livius fortwerfen ? Dieses Büchlein, das von Vaters Scherzen strotzte ? Nein, das könnte sie nicht.</p>
<p>Aber, was sollte sie denn tun ? Sie konnte doch lieber Erinnerungen wegen nicht eine zweite Wohnung anmieten. Wo sollte sie anfangen in dem notwendigen Loslösungsprozeß ? In welchem Zimmer, bei welchem Regal, welchem Kleinod ?</p>
<p>Trotz kam ihr zur Hilfe. Reaktanz. Schließlich konnte sie ihre Zeit nicht mit Reminiszenzen verbringen. Sie wurde schließlich schlichtweg von einem unromantischen Alltag gefordert. Was sie nicht mehr besaß, würde sie nicht mehr erinnern, könnte sie nicht mehr belasten.</p>
<p>Aber nein ! Gerade fiel ihr der Lederhandschuh ein, den sie vor über zwei Jahren verloren hatte und dessen Verlust sie bis heute nicht akzeptieren konnte, obwohl sie längst neue Handschuhe besaß. Immer noch schaute sie gelegentlich nach ihm in den Büschen längs jenes Spazierweges, auf dem sie ihn seinerzeit verloren haben mußte.<br />
Selbst verlorener Besitz beschäftigte. Und das scheinbar Banale war eben nur scheinbar banal, versteckte nur seine Bedeutung geschickter.</p>
<p>Ihre Augen streiften den Schreibtisch und die Pappordner. War Vaters Geschichte nur scheinbar banal ? Verbarg sie eine Botschaft, die ihr verschlossen war ? Selbst wenn das so wäre &#8211; jetzt war sie nicht mehr mitteilbar.<br />
Eine Sache mußte schon für sich selbst sprechen, um einen Sinn zu haben, fand sie. Niemand konnte doch als Schreibender ein Leserkollektiv von Detektiven erwarten.</p>
<p>Während sie darüber nachdachte, wurde ihr erst richtig bewußt, daß sie keine Fragen mehr stellen konnte. Nicht an Vater, nicht an Mutter. Es gab sozusagen keine Verbindung mehr zu ihrer Herkunft. Wie ein Senkblei fiel diese Erkenntnis in ihr. In eine Tiefe, die sie bisher nie ausgelotet hatte. Als es schmerzhaft aufschlug, sprangen ihr zum ersten Mal, seit sie von Vaters Tod erfahren hatte, Tränen aus den Augen. Sie weinte und weinte. Immer mehr. Schluchzte völlig außer Fassung.</p>
<p>Wie gut, daß die Rolläden heruntergezogen waren.</p>
<p>Sibille stand am Gartentor. Es quietschte in den Angeln, als sie es öffnete. Graue Farbe blätterte von den darunter verborgenen Rostblasen. Der Morgen war hell. Und warm. Augustwarm. Noch waren keine taubehangenen Spinnennetze in den Büschen zu finden, waren die Blätter an den Bäumen fast unverändert grün. Wenn auch nicht von jener Frische, die nur im Frühling zu finden ist, der Zeit, in der die Frühjahrsstürme toben und die ersten Knospenkokons platzen.</p>
<p>Eine grenzenlose Traurigkeit hatte sie gestern den ganzen Abend gefangengehalten. Das Weinen brachte ihr Erleichterung. Seltsamerweise. Erleichterung, die nicht eigentlich absehbar war. Und erst recht nicht berechenbar. Mit Gefühlen von Unsicherheit und Unwillen stellte sie immer wieder fest, daß simple Veränderungen &#8211; des Ortes, der Tätigkeit, hautnahe Sinneswahrnehmungen &#8211; tiefe Empfindungen hervorrufen konnten. Sie fühlte sich ausgeliefert. Ihr Lebensweg verlor in solchen Augenblicken Prägnanz. Alles wurde möglich, das hatte sie erfahren. Orientierungspunkte einer markanten Landschaft wichen zurück. Immer unbestimmter wurde die Umgebung. Schließlich ähnelte sie einer Art Tundra. Der Horizont war weit. Man konnte gehen, soweit man ein Ich spürte. Irgendwann würde auch das zurücktreten. Und dann würde sich der Horizont nochmals ungeahnt weiten. Bis alles in ihm aufginge und nicht mehr davon zu trennen wäre.</p>
<p>Sie dachte an Vaters Geschichte. Wo war er wohl hergegangen ? Es zog sie mit triebhafter Lust auf imaginäre Spuren. Wo mochte er im Gras gelegen, gedöst haben ? Der Garten schwieg. Beinahe übersah sie, daß Vaters Geschichte vielleicht nur Fiktion war.<br />
Lange schon war die Wiese nicht mehr gemäht worden. Mit filigranen Rispen blühte das Gras. Marienblümchen hatten sich ungehindert vermehrt. Das Regenwasserbecken war mit modrigem Wasser gefüllt. Schnecken klebten am Rand. Blütenblätter und kleine Ästchen trieben auf der Oberfläche.<br />
Wie groß der Flieder geworden war ! Armdick waren selbst die mannshohen Verzweigungen. Gut konnte sie sich erinnern, wie zart und verletzlich die jungen Büsche in der anfangs brandigen Erde des frisch bebauten Grundstücks standen.<br />
Amseln flogen, Blaumeisen, Spatzen &#8211; Vogelfußvolk. Sonst herrschte Stille. Frühe Samstagmorgenstille. Zeit, in der fast alle das Privileg der Freizeit mit rauschhaftem Schlaf feierten.<br />
Sie war schon früh auf. Erwacht vom Schrei einer Elster. Unruhe überfiel sie. Und das wenig weiche Gästekanapee der Eltern tat ein Übriges, um sie nicht liegenbleiben zu lassen.<br />
Im Bad fand sie Spuren der Vernachlässigung. Sie stellte sich vor, sie selbst würde alt. Irgendwann würden die Kräfte nicht mehr reichen. Würde sie die Fenster seltener putzen, später gelegentlich putzen lassen, dann selbst das einstellen. Wen kümmerte die langsame Verdichtung der Wasserflecken am Spiegel ?<br />
Medikamentenschachteln standen vergeblich Spalier. Mußten trotz ständig eintreffender Verstärkung die Übermacht des fortschreitenden Alters respektieren. Süßlich duftende Seife erinnerte sie an jenes Schälchen Erdbeeren in einer verfilmten Erzählung Thomas Manns.</p>
<p>Sie ging durchs Gras. Schritt für Schritt. Aber nichts geschah. Sie schaute um sich. Und sich vergewissernd, daß niemand sie beobachtete, zog sie Schuhe und Strümpfe aus. Spürte das feste, fast ein wenig scharfe, sommerliche Gras, den nur ganz eben noch kühlen Boden.<br />
Aber die Stimmung, jene Stimmung, die Vater beschrieben hatte, wollte nicht aufkommen. Natürlich. Vielleicht hatte sie schon damals nur im Kopf existiert. Und dann war da auch niemand, zu dem sie hätte schleichen können. Niemand, den sie überraschen würde.<br />
Aber auch das Gehen im Gras, mit bloßen Füßen, mochte nicht die Verlorenheit dominieren, die plötzlich von diesem Grundstück ausging. Nein, das war nicht mehr richtig Elternhaus. Auch wenn es noch das Haus war, in dem sie viele wichtige Jahre erlebt hatte. Und das jetzt ihr Besitz war. Auch ihr Besitz. Die Dinge hatten sich geändert. Radikal. Irgendetwas antwortete nicht mehr. So wie Vaters Hand in der Kapelle ihren letzten Händedruck gleichmütig quittierte. Er war nicht mehr erreichbar.<br />
Nichts war über eine bestimmte Grenze hinaus konservierbar. Ja, war es überhaupt möglich, Dinge, die einem wertvoll gewesen waren, annähernd ähnlich erneut zu erleben ? Geschweige denn Dinge, die ein anderer als wertvoll empfunden hatte ?</p>
<p>Sie drehte sich abrupt um. Wandte sich ab von der fliederumstandenen Laube. Nein, sie wollte seinen Weg nicht vollenden, um dann vor leeren Steinplatten zu stehen.<br />
Ihr Blick wanderte. Zog unschlüssig an ineinandergewachsenen Büschen vorbei zur Obstbaumschneise. Im alten Kirschbaum waren tatsächlich noch die alten Schaukelhaken eingedreht. Der Kirschbaum war uralt. Viel älter, als Kirschbäume gewöhnlich werden können. er war schon mächtig, als die Eltern das Grundstück übernahmen. Vater drehte die Schaukelhaken ein, und die ganze Familie genoß es, sich an diesem ruhigen Plätzchen im Schatten zu wiegen.<br />
Besonders gern, am späten Abend, saß Vater dort. Sie konnte ihn förmlich vor sich sehen, wie er sich mit sanftem Schwung bewegte, die Arme gestreckt, die Hände um die Seile gespannt, in scheinbar vollendeter Gleichmütigkeit. Seinen Kopf hatte er nach hinten gelegt, die Augen geschlossen.<br />
Manchmal hatte sie ihn beobachtet. Sie wußte so viel von ihm. Das heißt, eigentlich glaubte sie nur einen riesigen Anteil dessen zu kennen, was ihn in ihren Augen ausmachte. Schon als Kind fragte sie sich, was sie eigentlich von seinem Denken, seinem Werden, seinem Fühlen wüßte. Sie spürte, daß ihr vieles unbekannt war. Gab es eine Annäherung ? War sie überhaupt legitim? Sie hätte sich eine Erlaubnis gewünscht. Sie selbst konnte sie sich nicht geben.<br />
Manchmal setzte sie sich einfach stumm in seine Nähe. Einmal, irgendwann, nach langem schweigenden Schaukeln sagte er beiläufig: „Weißt du, es gibt Dinge, die sind so schwer verständlich, daß ich selbst sie am liebsten nicht einmal ahnte.“<br />
Das Orakel hatte gesprochen. Sie hätte gern gefragt, was er denn meine. Aber sein unvermutetes Reden und sein ebenso unvermutetes Verstummen nahmen ihr den Mut. Sie mochte vielleicht zehn Jahre alt gewesen sein. Sie nahm es hin, was er gesagt hatte. Nicht mehr, und nicht weniger. Und auch heute noch gab sie sich mit den Fakten zufrieden, liebte es nicht zu spekulieren.<br />
Rächte sie sich in ihrer fehlenden Neugierde übertragend für die seinerzeit nicht gestellten Fragen ?</p>
<p>Was wußte sie wirklich von ihrem Vater ? Ihr Bild von ihm war trotz allen Zweifeln so deutlich, daß es einige Zeit dauerte, bis die Frage im tiefsten Inneren Berechtigung fand.<br />
Heißt zusammen zu leben, einander zu kennen, zu verstehen ? Sie war geneigt ‘nein’ zu sagen. Und dann auch doch wieder ‘ja’. Zeigte sich denn der Kern einer Persönlichkeit nicht im Alltag, beim Eierkochen, Schuheputzen, beim Reinigen der Nägel, beim Planen eines Theaterbesuches ? War es notwendig, Biographien aufzuschlagen, immer und immer wieder, Gewesenes wiederzukäuen, um etwas mehr zu verstehen ? Wovon denn ? Was war denn wichtig: das Gewesene oder der neue Entwurf ?<br />
Sie spürte, daß sie ungerechtfertigt polarisierte. Polarisierungen konnten so hilfreich sein, Streichholz in der Dunkelheit. Leider war ihre erhellende Kraft auch der Brenndauer eines Streichholzes gleich.</p>
<p>Wenn sie genau überlegte, wußte sie nicht einmal, wie Vater und Mutter sich kennengelernt hatten. Sie ahnte es nicht einmal. Keine einzige Szene dieses Lebensausschnitts war ihr zu Ohren gekommen. Ihr Zusammensein schien immer unverbrüchlich. Und ohne Anfang. Aber da mußte doch etwas gewesen sein, irgendeine gerichtete Bewegung, die das Schicksal zweier Menschen zusammengeführt hatte und sei diese Bewegung auch noch so harmonisch.<br />
Ging es sie etwas an ? War es wichtig für sie, um sich zu verstehen ? Spielte es eine Rolle für einen Menschen, unter welchen Umständen er gezeugt worden war, welche Gefühle womöglich dem zeugenden Akt vorausgingen oder welche ihm nachfolgten ?</p>
<p>Sie stand wie angewurzelt auf der Wiese. In den Büschen raschelte es. Eine dicke Amsel flatterte davon. Für die gab es keine Frage nach dem Ei und dem Wohin. Sie war. Und war gewesen irgendwann. Eigentlich wie sie selbst auch.<br />
Sie spürte Müdigkeit. Plötzlich. Und die Nachwirkungen des Weines, den sie gestern zum Trost aus Vaters Keller ‘gehoben’ hatte, einen jener Schätze, die er wohl verwahrt hatte. Der war greifbar gewesen.<br />
Ihre Beine verlangten nach Entlastung. Sie ging in die Garage und holte sich einen der rot- weiß bespannten Holzliegestühle. Wieder einmal zögerte sie beim Aufbau. Fand die richtige Lösung erst beim zweiten Ansatz. Dann ließ sie sich fallen. Erkannte diese Mischung wieder, diese Mischung von Wohlfühlen und Enttäuschung. Wohlfühlen, weil man auf einmal die gewünschte Entlastung findet, und Enttäuschung, weil die sekundenlange Nachgiebigkeit des Stoffes nicht in permanente Nachgiebigkeit oder Federung mündete. Ein leinenbespannter Liegestuhl &#8211; das war wie eine ergatterte Kniebank in der Weihnachtsmesse. Besser als Stehen. Aber eben kein Sitzen.</p>
<p>Ob Vater in seiner Jugend viele Freundinnen gehabt hatte ? Kein Wort wußte sie darüber. Keine Andeutung hatte er jemals gemacht zu diesem Thema, das &#8211; ja, war es zu heikel ? Sie fragte sich, ob irgendeine Erfahrung Vaters ihr hätte hilfreich sein können, angefangen vielleicht in der Pubertät. Sie stellte sich vor, er hätte seine Ängste und Sorgen aus vergleichbarer Zeit erzählt &#8230; Und später ? Hätte er sie nicht anders trösten können, als mit dem Geist der Antike und seiner mittlerweile natürlich unwiderlegbaren Lebenserfahrung ?<br />
Sprach Vater mit Margret anders als mit ihr ? So unterschiedlich waren ihre Lebenswege geartet. Und obwohl sie nicht so viel von Psychologie verstand, sagten ihr Gefühl und Allgemeinbildung, daß sie zu keinem Zeitpunkt eine tabula rasa gewesen war, teilnahm am ewigen Spiel der Identifizierungen und daß diese sich nicht zufällig ereigneten. Vielleicht waren sie stärker, als es ihr je bewußt werden konnte. Warum lebte sie heute diesen, ihren Lebensstil?<br />
Oft fand sie ihn anstrengend. Dann beneidete sie Margret um ihr unkompliziertes Glück. Sie hielt es zumindest für unkompliziert.<br />
Sie selbst hatte sich schwer getan, Männerfreundschaften zu schließen. Warum war es Margret nicht so ergangen ? Hatte ihre Beziehung zu Vater und Mutter damit zu tun ? Hatten sie die Eltern anders behandelt ? Warum ?<br />
Wenn sie heute fragen könnte &#8211; was würde Vater antworten ? Hatte er doch solche Dinge nie angesprochen. Was sie kannte, waren lustige Episoden, Familiengeschichten, Tiraden exklusiver Vertrautheit, die sich jedoch schon ihrer Generation nicht mehr öffneten. Und je größer die Vertrautheit der Gleichaltrigen geworden war, z.B. beim Wein am Abend, desto stärker hatte sie sich mit Hieroglyphen konfrontiert gesehen, die selbst Fernstehende besser zu verstehen wußten als sie, geschlagen mit der Kurzsichtigkeit des engsten Familienmitglieds.<br />
Ob sie Tagebücher finden würde ? Gedichte an ehemalige Geliebte ? Hätte sie ein Recht, sie zu lesen ? Oder waren Tagebücher tabu, jenseits von Raum und Zeit ? Eigentlich konnte das nicht sein. Der Büchermarkt war voll davon. Ohne das Herausgeber und Autoren vom Blitz oder ihren Verwandten erschlagen worden waren.</p>
<p>Die Sonne tat ihr gut. Sie spürte, wie sie langsam, aber fortwährend erwärmt wurde. Sie hatte den Liegestuhl so ausgerichtet, daß sie über den eigenen Garten hinaus und auf die hohen Kiefern blicken konnte, Kiefern, die so hoch und breitkronig gewachsen waren, daß sie an Schirmpinien in der Toscana erinnerten. Wer mochte die gesetzt haben ? Als Kind hatte sie bedauert, keine Möglichkeit gehabt zu haben hinaufzuklettern. Es gab eben keine niedrigen Äste. Die Stämme waren lang und glatt, über jede Annäherung erhaben. Wollte man in die Wipfel, man hätte die Bäume absägen müssen.</p>
<p>Sie stellte sich vor, Möbelwagen würden vorfahren. Vielleicht Transporter der ‘Caritas’ oder vom ‘Roten Kreuz’. Die Möbel der Eltern würden verladen, zwischengelagert und später wieder irgendwo ihren Dienst tun. Seltsamer Gedanke. Es war ihr klar, daß Besitz immer zerstreut werden mußte. Man sammelte, um wieder zu verlieren. Und dazwischen lag die Zeit der Nutzung, die durch nichts mehr gestört werden konnte, als durch das Bemühen der Bewahrung.</p>
<p>Die Schultern schmerzten sie. Unversehens mußte sie eingeschlafen sein. Jetzt schien ihr das Segeltuch des Liegestuhls wie eine Trage, in der sie einen langen Weg hinter sich gebracht hatte. Träume mit verschleierten Gesichtern hatten sie an den Holmen der Tagesreste emporgehoben und fortgeschafft.<br />
Sie war im Landgericht, unterwegs zum Sitzungssaal. Den Weg, den sie zu nehmen hatte, kannte sie genau. Ihre Schritte hallten in dem noch aus wilhelminischer Zeit stammenden Altbau. Unter dem Arm trug sie ihre Aktenmappe. Sie ging gemessen, ruhig, bestimmt. Mit der Zeit hatte sie sich einen Gesichtsausdruck zugelegt, der keine Ansprache zuließ und dennoch freundlich war, ohne diese nur zu leicht spürbare Unterkühlung verborgener Gewalttätigkeit, die sich in der Antizipation unerwünschter Störung zusammenballt und nur mühsam hinter schmal lächelnden Lippen in Stellung geht.<br />
Ihr Blick streifte auf den Fensterbänken Sansiferien, die immer noch &#8211; oder schon wieder ? &#8211; geradlinig, anspruchslos und scheinbar ohne wesentliches Wachstum einen fahlen Eindruck von Leben auf den sterilen Fluren verteidigten. Es war hell ohne wesentliche Schattenbildung. Sie konnte nicht erkennen, von wo das Licht einfiel.<br />
Sie wußte, daß drei Türen weiter auf der linken Seite die Doppeltür zum Sitzungssaal mit nur ganz leichtem Druck der geschwungenen Klinke zu öffnen war. Doch was war das ? Die Tür, wo war sie ? Irritiert fand sie die gewohnte Reihe von Türen verändert. Eine ganz leichte, kaum wahrnehmbare Veränderung war eingetreten. Nirgendwo waren Spuren eines Umbaues und doch war keine Doppeltür mehr vorhanden, auch kein Zeichen ihrer früheren Existenz.<br />
Sie hastete zurück zum Treppenaufgang. Sie mußte im falschen Stockwerk sein und wußte doch gleichzeitig, daß diese tröstende Vermutung nicht trug. Zu bekannt waren alle anderen Unscheinbarkeiten dieses sterilen Flures.<br />
Nein, am Treppenaufgang fand sie die bestätigende Ausweisung: ‘zum Sitzungssaal 12’, mit einem nach links weisenden Pfeil. Langsam ging sie zurück. Vielleicht war doch alles beim Alten und sie war gerade einer Täuschung unterlegen ? Die vertraut wirkenden Fensterstürze legten eine dünne Spur Hoffnung aus. Doch wieder schloß sich Einzeltür an Einzeltür, mit gleichmäßigem Abstand. Die Doppeltür fehlte und erschien auch nicht, als sie weiter dem Flur folgte, viel weiter, als sie innerer Gewißheit gemäß hätte gehen dürfen.<br />
Peinlichkeit wurde spürbar, Scham kroch in ihr hoch. Sie war Vorsitzende und fand ihren Sitzungssaal nicht. Wie sollte sie das erklären ? Ungezählte Male war sie dort gewesen. Sie fühlte sich plötzlich kalt.</p>
<p>Erwachend saß bleierne Schwere auf ihrem ganzen Körper. Auf den Schultern schien eine besondere Last gelegen zu haben. Ein kühler Luftzug war aufgekommen. Unerwartet, als kündigte sich ein Gewitter an, war es still geworden im Garten. Der Himmel bezog sich metallisch blau. Sie erschrak, als sie auf ihre Uhr schaute. Es war 13 Uhr durch. Wo war die Zeit geblieben, die sie so intensiv hatte nutzen wollen ?<br />
Unwiederbringlich ! Wie oft hatte sie sich als Herrin ihrer Zeit gesehen. Wie ein unerschöpflicher Reichtum schienen ihr ein Arbeitstag, ein Nachmittag, ein Abend. Dann griff sie ein paar Goldmünzen heraus aus ihrer Schatzkiste, wie Pippi Langstrumpf aus ihres Vaters Lederkoffer, kochte Tee, telephonierte, diktierte Briefe, ging einkaufen. Aber während bei Pippi der Koffer kaum leerer wurde, war ihre Schatzkiste unversehens leer. Die Arbeitszeit, der Nachmittag, der Abend &#8211; sie waren plötzlich verstrichen. Gleichgültig hatten sie sich abgekehrt, und alles Unerledigte konnte nur noch auf morgen verschoben werden.<br />
Sie schaute zum Haus hinüber. Ja, das war ihre ‘Villa Kunterbunt’. Ihre Mama war ein Engel und ihr Papa jetzt Negerkönig in Taka- Tuka- Land ?<br />
Aber sie &#8211; sie war nicht das stärkste Mädchen der Welt. Und wo waren ‘Tommy’ und ‘Annika’?</p>
<p>Dringend mußte sie für den Rest des Wochenendes einkaufen. Der Kühlschrank war fast leer, die letzten Reste verdorben. Sie hastete ins Haus, streifte eine Jacke über, suchte ihr Portemonaie und den Hausschlüssel und stürzte die Tür zuwerfend auf die Straße.</p>
<p>Sie kannte hier jeden Weg. Immer noch. Natürlich hatte sich das eine oder andere Haus im Laufe der Zeit verändert, Gärten waren hochgewachsen oder gerodet, die Autos in den Einfahrten und auf den Abstellplätzen wechselten ohnehin ständig. Von ihren Besuchen bei den Eltern wußte sie, daß der alte Edekamarkt noch existierte. Der Sohn des Besitzers hatte ihn übernommen. Sibille kannte ihn nur als unscheinbaren Jungen, der vielleicht sechs oder acht Jahre jünger war als sie.</p>
<p>Fast hätte sie den Laden nicht wiedererkannt. Schaufenster und Leuchtreklame waren verändert, der früher weiße Hausanstrich war jetzt grellfarbig gelb. Auch die Innenausgestaltung des Ladens war vollständig anders. Um zu finden, was sie suchte, mußte sie sich orientieren wie in jedem anderen fremden Laden. Zu ihrem Erstaunen entdeckte sie die alte Besitzerin, Frau Leifeld, noch immer aktiv hinter der Wursttheke.<br />
„Ach, Frau Hartmann, Sie sind es doch ? Das ist aber schön, Sie einmal wiederzusehen !“ Sibille war verwundert über Frau Leifelds Gedächtnis. Dreißig Jahre waren vergangen, seit sie hier regelmäßig aus und ein gegangen war.<br />
Gern ließ sie sich in ein Gespräch verwickeln. Erfuhr von vielen Veränderungen, denen sie selbst gar keine Beachtung entgegengebracht hätte.<br />
Man kondolierte ihr. Ihr Vater sei so ein netter Herr gewesen. Stets gut aufgelegt. Wohl verhaltener, seit seine Frau verstorben sei. Alle drei Tage sei er hier gewesen, und immer habe er ein paar Scheiben Parmaschinken mitgenommen.<br />
Aber es sei wirklich schön, sie nach so vielen Jahren wieder einmal zu sehen. Ob sie verheiratet sei und Kinder habe. Nein ? Ja, ein Beruf könne einen auch sehr ausfüllen. Sie wisse das ja selber.<br />
Frau Leifeld verließ ihre Theke und zog mit altersgemäßer Schwerfälligkeit zum Weinregal. Griff eine Flasche Beaujolais und kam zurück. „Für eine ruhige Stunde !“ Sibille war gerührt. Sie kaufte gewöhnlich in Großmärkten ein, meist in großer Eile. Niemand würde dort ihre Einkaufsgewohnheiten je registrieren. Ob ihr das irgendwann etwas bedeuten würde ? Sie war sich unsicher. Mit herzlichem Händedruck verabschiedete sie sich von Frau Leifeld und ging rasch zum Haus der Eltern zurück.</p>
<p>Eine warme Mahlzeit hätte sie zuviel Zeit gekostet. Käse und Brot mußten reichen, um ihren ohnehin mäßigen Hunger zu stillen. Sie entkorkte den Beaujolais und trank aus einem alten Kristallglas, das noch aus Omas Zeiten stammte. Während sie das Glas drehte und Licht durch geschliffene Prismen dirigierte, stellte sie sich vor, wie Oma oder Opa daraus getrunken haben mochten. Sie erinnerte sich daran, als Kind Freude daran gefunden zu haben, der Vergangenheit der Dinge in Gedanken nachzugehen. So konnte sie an einem alten Haus stehenbleiben und minutenlang darüber nachsinnen, wie es Stück für Stück gebaut worden war. Sie sah Maurer vor ihrem geistigen Auge, Zimmerleute, Schreiner. Es war die Zeit, in der sich jede Begegnung eine Aura hielt.<br />
Zum Nachtisch nahm sie sich einen Yoghurt. Mit gleichmäßiger Sorgfalt zog sie den Aludeckel ab. Kein Fitzelchen blieb in der Deckelprägung hängen. Da sie allein war, leckte sie den Deckel mit drei Zungenstrichen ab, vorsichtig, um sich nicht an eventuellen scharfen Kanten zu schneiden. Ganz behutsam und doch bestimmt nahm ihre Zunge das erste, vermutlich synthetische Erdbeeraroma auf. Dann führte sie den Löffel kreisrund um die Becherrandung, die zentimeterbreit und millimetertief den nach unten leicht konisch zulaufenden Plastikzylinder überkragte. Jetzt erst löffelte sie mit vollendeter Gleichförmigkeit den rosafarbenen Yoghurt aus der Bechermitte. Jeder Löffel schmeckte wie der andere. Sie konnte sich darauf verlassen. Und während sie absichtslos meditativ ihrer Tätigkeit hingegeben war, waren alle Gedanken verschwunden. Vollkommene Ruhe kehrte ein für die Dauer des Yoghurtessens. Sie fand sich selbst beneidenswert. Als der Löffel sich immer tiefer senkte und mit kratzendem Geräusch die Nähe des Bodens signalisierte, empfand sie fast etwas wie Wehmut. Auf einmal konnte sie sich vorstellen, das im Alltäglichen, Banalen Vollendung zu finden war, genauer gesagt: Auftrag und Vollendung.<br />
Gab es einen Höhepunkt beim Yoghurtessen ? Und gesetzt, sie würde das Yoghurtessen in einer Geschichte niederlegen &#8211; hätte sie eine Pointe ?</p>
<p>Sie telephonierte mit einem Makler. Mit Margret war sie sich einig geworden, das Elternhaus zu verkaufen. Es eilte nicht, mußte aber arrangiert werden.<br />
Dann ging sie in den Keller und begann Umzugskisten zu falten, die sie bei einer Speditionsfirma besorgt hatte.<br />
Sie legte sich einen Plan zurecht. Trotz des Berges, der vor ihr lag, ging sie mit Gelassenheit an die Arbeit. Ihre Stimmung war verändert, ohne daß sie hätte sagen können wodurch. Den Nachmittag, Abend, die halbe Nacht sortierte sie z.T. nüchtern, z.T. mit tiefer Berührtheit Kleider, Vorräte, Haushaltsgegenstände, Nippes und Bilder. Margret hatte ihr ihre Wünsche mitgeteilt. Sie waren sich ohne Probleme einig geworden. Darüberhinaus würde sie in der kommenden Woche für ein verlängertes Wochenende zu Besuch kommen. Vorher würde sie nichts fortgeben.<br />
In der riesigen Waschküche entstanden Kistenstapel für Margret, sie selbst, die Caritas, den Sperrmüll. Sie ahnte, sie würde in diesem Haus noch viel Zeit verbringen. Wertvolle Zeit, wertschaffende Zeit.<br />
Über das Abendessen kam sie ganz hinweg. Trank nur gelegentlich einen Schluck Wein. Todmüde sank sie weit nach Mitternacht auf das Kanapee.</p>
<p>Die Sonne stand schon über den Bäumen, als Sibille erwachte. Tief und fest hatte sie geschlafen. Dennoch fühlte sie sich müde. Sie war in Aufbruchstimmung, war gleichzeitig unruhig und träge, entschlossen und zaudernd.<br />
Mit sanftem Stoß öffnete sie das angelehnte Fenster und legte sich wieder hin. Starrte zur Zimmerdecke. Von draußen strömte nur noch ganz eben kühle, eher schon warme Luft herein. Sie stellte sich vor, die Welt stünde Kopf. Sie sah sich an der Zimmerdecke laufen. An der Tür mußte sie die Stufe des Türsturzes überschreiten. Die Bilder an der Wand sahen ganz anders aus, so, um 180 Grad gedreht. An der Decke klebten Teppiche und Möbel mit seltsamer Schwerelosigkeit. Ihre Schritte hallten auf dem nackten, weißen Deckenboden.<br />
Sie seufzte. Dann fiel sie in die gewohnte Perspektive zurück. Nur für Sekunden, bestenfalls Minuten konnte sie die Realität verlassen. Sie hatte zu tun. Widerspruchslos stand sie auf.</p>
<p>Alles war still im Haus. Fast freute sie sich an ihren selbstverursachten Geräuschen. Als erstes stellte sie die Kaffeemaschine an. Binnen Sekunden begann ein tiefes, gleichförmiges Tuckern, das wie ein Außenborder auf den See der Stille hinausfuhr. Sie verzichtete darauf, das Radio einzuschalten. Warf Netze aus über die vergangenen 48 Stunden, während sie Brot schnitt, Honig und Marmelade auf den Tisch stellte und Geschirr und Besteck zusammensuchte. Als der Kaffeedampf dann duftig wie Morgennebel aufstieg, zog sie den Fang ein.<br />
Wieviele Fragen hatte sie sich in den vergangenen Tagen gestellt ? Wieviele Antworten hatte sie bekommen ? Die Fragen verschwammen, verwirbelten wie vom Wind verworfene Spiegelungen auf der Wasseroberfläche.<br />
Wie sollte sie Antworten finden, in dieser, ihrer Höhle ? Allein, mit ihren Schatten an der Wand, die vielleicht gar nicht die Realität darstellten ? Und doch spürte sie, daß etwas in Bewegung gesetzt war in ihr, das nur noch nicht zu benennen war. Sie fürchtete, selbst dieses flüchtige Etwas zu verlieren. Spürte den Hang es irgendwie festzuhalten. Doch wie ? Wußte sie doch, daß sie nur wenige ihrer Empfindungen würde bezeichnen können, angedachte Fetzen, vielleicht gar nicht zu einem Ende zu bringender Gedankengänge.</p>
<p>Mit großer Bedächtigkeit ging sie weiter zu Werk, nachdem sie das Kaffeegeschirr abgetragen hatte. Ihre Bewegungen waren gezielt, ruhig, fast ministrantenhaft. Irgendwann stieß sie im Wohnzimmer wieder auf Vaters Geschichte. Es war mittlerweile Mittag geworden, hell und klar stand die Sonne über dem Garten. Sie griff den Pappordner mit der Geschichte und ging in den Garten hinaus. Weit streckte sie ihre Arme nach oben und reckte sich. Sog tief die Luft ein. Leichtes Summen von Insekten unterlegte akustisch das gleißende Licht.</p>
<p>Der Liegestuhl stand noch auf dem Rasen. Sie zog ihn in den Halbschatten der Fliederlaube. Eine kleine Pause würde sie sich gönnen.<br />
Wieder spürte sie die eigenartige Unnachgiebigkeit der Leinenbespannung. Die Sonne blinzelte durch die Zweige. Sie begann zu lesen. „Marius schlich sich auf Zehenspitzen duch den Garten&#8230;“ Weiter kam sie nicht. Müdigkeit überfiel sie unüberwindbar. Die Augen fielen ihr zu. Sanft rutschte das Skript zu Boden.</p>
<p>Lautlos fast huschten Füße über den Kiesweg. Es mochte eine Stunde nach Mittag sein. Der Innenhof des Hauses konnte sich vor der Sonne nicht mehr verbergen.<br />
Zwei Kinder schlichen, mit einer Hand den Mund zuhaltend, um ihr Kichern zu verbergen, den Rasen querend zur Laube. Ihnen folgte eine Frau, die offensichtlich ihre Mutter war. Sie hielt ihren Finger warnend vor den Mund. Wie Störche auf der Feuchtwiese stelzte die Prozession im Bemühen um Lautlosigkeit über Wiese und Steinplatten, die Böschung herab. Dann übernahm die Frau die Führung. Als sie bei der Schlafenden angekommen war, führte sie langsam die Hände vor deren Augen und hielt sie blitzartig zu.<br />
Sibille erschrak, zuckte heftig zusammen.<br />
„Mein Gott ! Margret ! Hast du mich erschreckt ! Wo kommt ihr her, in Gottes Namen ?“<br />
Dann zog ein breites Lächeln über ihr Gesicht. „Geht sofort und kocht Tee ! Zur Strafe !“</p>
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		<title>Abpfiff</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Sep 2009 13:20:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christoph Katz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein moosgrünes Blatt. Ebenmäßig glasiert. Mit ganz schlankem, sich in der Fuge verlierenden Stiel. Eingebettet in ein warmes, sandsteinhelles Ocker wie eine kostbare Gravur oder Intarsie. Ihre Augen wanderten einen winzigen Schritt weiter. Zu einer ebensolchen, ebenmäßigen Schönheit. Alles geordnet. Ruhe. Wie in einer Kirche verlor sie sich, nach oben schauend, im Gewölbe des Jugendstilbahnhofs, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein moosgrünes Blatt. Ebenmäßig glasiert. Mit ganz schlankem, sich in der Fuge verlierenden Stiel. Eingebettet in ein warmes, sandsteinhelles Ocker wie eine kostbare Gravur oder Intarsie.<br />
Ihre Augen wanderten einen winzigen Schritt weiter. Zu einer ebensolchen, ebenmäßigen Schönheit. Alles geordnet. Ruhe. Wie in einer Kirche verlor sie sich, nach oben schauend, im Gewölbe des Jugendstilbahnhofs, folgte dem Deckenfries in seiner harmonischen Monotonie, bis die Arthrose ihrer Halswirbelsäule der Neigung des Kopfes schmerzhaft Einhalt gebot. Wie elektrisiert fuhr sie zusammen und stöhnte. Ganz leise.<br />
Wie oft hatte sie diese Halle durchquert! Wie oft nach Kleingeld gesucht für den Fahrkartenautomaten. Sie hörte sein kurzes ‚Klick’ beim Eindruck der Tariftaste. ‚Klick’ – und nach dem Einwerfen des Geldes, das sie immer passend dabei hatte, ein Schnurren, wie von einer winzigen Spule. Stroh zu Gold. Lautlos glitt der Fahrschein in die Griffmulde. Im Aufdruck zogen sich winzige, kunstvolle Schlingen zentripetal in ein weißes, ovales Feld, das den Betrachter wie eine Abflussöffnung in die leere Tiefe rinnen ließ.</p>
<p>Wo Horst nur blieb!</p>
<p>Sie zog die heruntergerutschte Handtasche wieder auf die ungewohnte rechte Schulter. Seit ihr linker Arm anschwoll, beherzigte sie die vielen Faltblattratschläge und entlastete ihn, so oft sie daran dachte.<span id="more-216"></span></p>
<p>In den dicken Glasscheiben des Bahnhofskiosks spiegelte sie sich schattenhaft. Wie gedrungen sie wirkte! Fast plump.<br />
Unwillkürlich richtete sie sich auf. Der weite Mantel gab ihr etwas Säulenartiges, Dosenförmiges, Uniformes. War dabei gnädig. Denn es gab keine Taille mehr zu verbergen. Siebzig Jahre hatten sie zusammensintern lassen. Auch ihr Profil schien ihr verwittert. Und seit ihrer Operation fühlte sie sich wie ein Torso im römisch- germanischen Museum.</p>
<p>Unentschlossen ließ sie sich in die Halogenlichter des Kiosks ziehen und schlenderte die Drehgestelle entlang, in denen Taschenbücher der einschlägigen Verlage Gefühlsnuancen wie Register einer riesigen Orgel bereithielten. Am ‚Spieltisch’ lagen schwarz- weiß die Gazettenmanuale, flankiert von grellbunten Illustriertenpedalen.<br />
Sonnengebräunte junge Frauen ließen müde Rentnerblicke, gelangweilte Teenygeilheit und unverhohlenen Voyeurismus in den Trichter ihrer Décolletés fließen.<br />
Ihr Blick verschwamm, als hätte sie eine 3-D-Postkarte zu enträtseln und sah das ginkgoähnliche, moosgrüne Blatt des Deckenfries’ auf den Décolletéstrudel zutreiben.<br />
Dann spürte sie ein Reißen in der Narbe und wusste im gleichen Augenblick, dass dieses Blatt keinen Halt mehr bei ihr gefunden hätte und taumelnd in den Rinnstein der Versehrtheit abgetrieben wäre.<br />
Sie sah unvermittelt ein junges Mädchen neben sich stehen. Sich leicht in den Hüften wiegend, mit Knöpfen im Ohr, blätterte sie in einer ‚Elle’. Ihr langes, schwarzes Haar fiel in Kaskaden über Schultern und Rücken. Unwillkürlich dachte sie an die‚ Sünde’ von Franz v. Stuck. Und wieder verlor sich ihr Blick. Strandete in der sanften Wölbung des erdfarbenen Pullovers, der unauffälligen Vollkommenheit des Alltäglichen.<br />
Was für hässliche Pickel das Mädchen hatte! Einer, an der Backe, trug eine grellgelbe Spitze, die jeden Augenblick platzen musste. Erschrocken wich sie zurück, als könnte der Eiter sie treffen.<br />
Sie drehte sich abrupt zu den Taschenbuchregistern und zog beherzt blind einen Titel aus einer Sachbuchreihe. ‚Leben mit Krebs’. Das Buch glitt ihr aus den Händen, fiel auf den Boden und bekam ein Eselsohr. Die Frau an der Kasse guckte missbilligend. Sie errötete, hob das Buch schwerfällig auf, tat so, als ob sie mit Interesse blättere und schob es kurze Zeit später unangenehm berührt in die kaum wahrnehmbare Lücke zwischen ‘Der kleine Kakteenfreund’ und ‚Erfolg bei der Cocktailparty’. Blicklos verließ sie das Geschäft. Draußen rieselte aus den Lautsprechern eines Würstchenstandes schnulzig und halblaut das Rückgrat eines Ohrwurms. Zwei junge Männer bissen in eine Currywurst und rissen an den Laschen ihrer Bierdosen.<br />
Sie ging die Treppen hinunter zu den Bahnsteigen, in die zugige Redlichkeit. ‚Willkommen und Abschied’, dachte sie. Und: Goethe ist tot!.</p>
<p>Draußen dämmerte es bereits. Sie konnte Zwielicht nie gut leiden. Nicht nur, weil sie als Kurzsichtige dann besonders große Probleme beim Autofahren hatte. Sie hasste die Übergänge, liebte das klare Helle des Tages und die dunkle Nacht. Einmal war sie für kurze Zeit mit ihrem Bruder am Äquator gewesen.</p>
<p>Sie ließ ihre Handtasche auf eine Bank gleiten. Auf einer Seite hatten Regentropfen das Holz bis zur Unkenntlichkeit geschwärzt. In der trockenen Zone zogen Holzschnitzereien wie Kreuzzugsheere verdämmernden Minnesangs herzweise über die Buchenholme.<br />
Wie alt ‚G’ und ‚M’ jetzt wohl waren? Die Ränder der Keilschrift waren schon fast von der Zeit eingeebnet. Möglicherweise waren Jahre vergangen seit diesem Riefenbekenntnis. Vielleicht hatten sich ‚G’ und ‚M’ gefunden, umworben und waren nervös in ein Bett gesunken, aus dem sie sich nach langem Suchen ernüchtert und wortlos wieder davongeschlichen hatten. Vielleicht hatten sie inzwischen zwei Kinder und eine Videokamera. Im Urlaub passt Oma auf die Kinder auf, während ‚G’ und ‚M’ in einer spanischen Touristenkneipe Samba tanzen, er mit inzwischen schütterem Haar, sie mit einer Speckrolle über der Hüfte, die sich nur schwer von dem hautengen Seidenhemdchen bändigen lässt.<br />
Die Bank schien ihr schmutzig, klebrig, wie mit Sekreten bekleckert. Dennoch ließ sie sich fallen. Und im dumpfen Aufschlag ihres Gesäßes kam es ihr wieder hoch. Aus einer anderen Welt. Nicht der des angedienten Zynismus der letzten Jahre.<br />
Sie sah Mutter. Mutter, wie sie sich fallenließ auf die Verandabank unter dem Küchenfenster. Es war weit nach Mitternacht. Neujahr. Ein eisiger Hauch hatte Blumen ans Fenster gemalt. Aber der Alkohol machte Mutter unempfindlich. Selbstverloren grinsend starrte sie an den Sternenhimmel zu Orion, dem alten Jäger. Und um ein Haar hätte sie sich vor sich selbst verneigt, vor der Noblesse ihrer Attitüde. Sie, Eos, triumphierend über den Neid der nicht der Liebe Verfallenen. Schon sirrten die Pfeile.</p>
<p>Es war der Jahreswechsel 1938/39. Die Kristallnacht lag hinter ihnen und auch der Sivesterklavierabend, den Mutter inszeniert hatte. Vater war diskret ins Bett gegangen. Mutter hatte angetrunken noch diverse Arien geschmettert, bis sie dann in den Armen des ebenfalls angetrunkenen von Rinkwitz albern kichernd zusammenbrach.<br />
Sie selbst war vom Geklirr der zu Boden gefallenen Gläser erwacht und hatte dem Treiben zunächst von der Treppenempore und Mutters Verzückung vor Orion vom Küchenfenster aus zugesehen.<br />
Am späten Morgen war Mutter verkatert und einsilbig, Vater korrekt.<br />
Diese Szenen waren allen bekannt: Mutter, Vater und zwei Dutzend von Möchtegernkünstlern, die so wie Mutter an ihr Talent glaubten, es nicht wagten und nur in exhibitionistisch anmutenden Inszenierungen andeuteten.<br />
Nie hatte sie mit irgend jemandem darüber gesprochen. Die Bilder waren in ihrem Inneren präsent und wieder auch nicht. Völlig isoliert. Aufgehoben in einem gläsernen Kästchen, zusammen mit anderen maßlosen Verwunderungen.<br />
Mutter wäre gern Pianistin geworden. Aber dann heiratete sie doch lieber einen Bankier und litt unter Migräne. Ihre Kinder – sie hatte einen Jungen und ein Mädchen – scheuten sich Gäste mit nach Hause zu bringen. Man konnte nie wissen &#8230;<br />
Dafür sorgte Mutter umso mehr für Besuch. Meist Herren. Und die Blumenboten kicherten irgendwann unverschämt, wenn sie wieder dunkelrote Rosen von irgendeinem Verehrer auf der hohen Treppe vor der Haustür überbrachten. Die Blumen standen dann einen Tag lang auf dem Esszimmertisch und wurden dann wortlos von Vater nach draußen gebracht auf den Verandatisch. Auch im Winter.</p>
<p>Sie konnte sich nicht erinnern, ihre Eltern jemals im Streit erlebt zu haben. Ihre Ehe verlief wie ein Stummfilm und war von einem unbekannten Regisseur mit sanfter, melodramatischer Musik unterlegt, die jeden Samstagabend, an dem man zu müde für eine Unternehmung gewesen wäre, zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht hätte.</p>
<p>Beide wurden uralt. Ihre Villa verließ Mutter auch nicht nach Vaters Tod. Erst als ein Schlaganfall ihr die Beweglichkeit nahm, erklärte sie sich widerwillig unter dem Druck ihres Sohnes bereit, in ein Altenwohnheim umzuziehen. Natürlich in ein vornehmes, in das sie auch den Flügel mitnehmen konnte, auf dem sie nie mehr spielte.</p>
<p>Wie Mutter wohl gestorben war? Sie hatte nie danach gefragt. Ihr Bruder war seinerzeit in Australien, sie selbst hatte in den letzten drei Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr, nachdem sie sich irgendwann den despotischen Aufforderungen nach täglichem telephonischen Rapport in ihrem zweiundfünfzigsten Lebensjahr endlich widersetzt hatte. Dann war es gut. Endlich hatte sie eine positive Beziehung zu ihr. Sie stellte sich ein Bild von ihr auf ihren Schreibtisch und lächelte, wenn sie auf die attraktive Frau sah, die dort bei einem Strandurlaub von einem Photographen festgehalten worden war. Vater stellte sie sicherheitshalber einen Meter von ihr entfernt auf. In anderem Rahmenholz. Die Gräber beider, die nebeneinander lagen, besuchte sie nie.</p>
<p>Eine Windboe schrieb eine Regenzeile auf ihren Mantel. Sie zuckte kurz zusammen. Fröstelte ein wenig. Mit dem Finger glitt sie über die Riefen in den Holmen. Drehte dann mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand an ihrem Ehering, der ihr im Laufe der Jahre knapp geworden war. Ein junger Mann trat auf sie zu und reichte ihr ein Flugblatt. Unwillkürlich hatte sie ihre Handtasche fester umgriffen und ließ den Griff erst wieder lockerer werden, als er wieder drei Schritte entfernt war.<br />
Der Zug war jetzt angeschlagen. Aber Horst war noch nicht zu sehen.</p>
<p>Sie konnte sich nicht daran erinnern, jemals eine gute Freundin gehabt zu haben. Erst verbot ihr Mutter den Umgang mit den nicht standesgemäßen Nachbarskindern. Dann hatte sie über der seltsam bedrückenden Atmosphäre des Elternhauses eine Heimat im Lesen gefunden. Sie las und las. Und bald schienen ihr die Helden und Heldinnen ihrer Bücher vertrauenswürdiger als jede erdenkliche Freundin.</p>
<p>Es war, als hätten Mutters Inszenierungen sie mit einem Bann belegt. Und ihr hysterisches Gekicher hatte wie Häme ihre Haut durchbohrt wie ein Angelhaken, Häme über das eigene Geschlecht. Bis sie Horst kennenlernte. Viel später.<br />
Lange ging sie in ihrem Beruf auf. War beliebt wegen ihrer Pünktlichkeit und ihrer Arbeitsmoral. Bei Betriebsfesten trank sie schon mal ein Glas Moselwein und wurde dann gesprächig. Und rotwangig. Was ihr später peinlich war. Irgendwann, eine schmerzhafte Erinnerung, hatte sie ein mittelaltriger Kollege in angesäuselter Laune mit zu sich nach Hause eingeladen. Sie fuhren in seinem vornehmen Mercedes in eine Vorstadtstraße, parkten unter Flieder- und Jasminbüschen und gingen eingehakt und singend zur Eingangstür eines zurückgesetzten Hauses, das sie an ihr Elternhaus erinnerte. Unter dem geschwungenen Regendach, oben auf der Freitreppe, nahm er sie überschwänglich in die Arme und versuchte sie zu küssen. Dann ging hinter ihnen das Licht an und eine Frau stand wortlos im Flur. Durch die geriffelten Fensterscheiben der Tür sah man ihr Zögern.<br />
Abrupt hatte sie sich abgewandt und den Garten verlassen. Gedankenlos irrte sie durch die Sommernacht zurück nach Haus. Im Grunde war es ihr recht. Später sprach man nicht mehr darüber.</p>
<p>Ein Zug fuhr durch. Mit großem Getöse ratterten rot- silberne Wagen an ihr vorbei. Zwei der Wagen waren über und über mit Grafittis besprüht. Nichts blieb sauber, nichts intakt. Überall sah sie Narben und Entstellungen.<br />
In die monotonen Geräusche der einbrechenden Nacht bahnte sich ein Martinshorn eine Schneise. Jetzt war das grellblaue, rotierende Licht zu erkennen. Huschte wie ein Fliehender über die Straßenfragmente ihres Gesichtsfeldes und der gellende Ton verschwand mit einem fast abrupten Decrescendo, während das blaue Licht wie Rotorblätter weiter in der Region des Bahnhofsvorplatzes durch die Dämmerung flirrte. Die von niemandem angezweifelte, unverkennbare Wichtigkeit dieser Erscheinung lag schwer auf ihren Schultern. Sie wirkte jetzt noch gedrungener.<br />
Dann erst fiel ihr der Zettel ein, den sie gerade in die Hand gedrückt bekommen hatte:</p>
<p align="center">„ Sie könnten die nächste sein, die Hilfe braucht!<br />
Spenden Sie Blut!“<br />
Unter der dickbalkigen Überschrift Ort und Zeit der möglichen Blutspende.</p>
<p>Früher hatte sie gern Blut gespendet. Jetzt war sie davon ausgeschlossen. Aber sowieso war sie jetzt auch zu alt dafür. Sie spürte die sich allmählich vergrößernden Kreislaufprobleme. Ihre Ruhezeiten wurden länger.</p>
<p>Die Neonlichter des Bahnsteigs warfen Reflexe auf ihre Fingernägel. Wie immer waren sie sorgfältig geschnitten und gefeilt. Aber die glatte Oberfläche war verschwunden. Riefen hatten eine immer deutlichere Struktur gebildet, Textur nicht zu verleugnenden Alters. Und in letzter Zeit brachen sie auch immer häufiger.</p>
<p>Noch drei Minuten bis zur Abfahrt. Der Wind war kühl, fuhr dünnfingrig unter Rock und Mantel und bauschte sie sekundenschnell auf wie eine Windhose.</p>
<p>Noch drei Minuten. Wo mochte Horst sein? Sie zitterte vor Erregung. Sie hatten sich doch verabredet. Oder hatte sie ihn missverstanden? Nein, nein. Am Eingang. Beim Billetschalter.<br />
Sie trug ein abgeändertes Kleid von Mutter. War viel zu dünn angezogen und fror. Nein, zitterte vor Erregung.<br />
Dann, ganz klein, erschien ein Punkt am Horizont. Wie eine Sternschnuppe fiel er mit rasender Geschwindigkeit auf den Bahnhofsvorplatz, hämmerte mit riesigen Schritten auf sie zu und riss sie, über das ganze Gesicht grinsend, mit sich auf den Bahnsteig. Der Zug fuhr gerade an. Ruckelnd, ächzend. Sie rissen eine Tür auf, sprangen auf das Trittbrett und verharrten einen Moment atemlos keuchend, stürmten dann in ein Abteil dritter Klasse und ließen sich auf die harten Holzbänke fallen.<br />
„Ach, Horst!“<br />
Der Zug fuhr durch die noch mit Trümmern gespickte Vorstadt der fünfziger Jahre. Ihre erste gemeinsame Fahrt. Sie erinnerte sich an die kühle Luft, die durchs undichte Fenster zog. Horst nahm sie in den Arm und berührte fast unbemerkt ihre linke Brust mit den Fingerkuppen, die immer wärmer wurden und bald auf ihrer Haut lagen wie heiße Esskastanien in winterlich klammen Händen.<br />
„Ach, Horst!“</p>
<p>Sie zuckte leicht zusammen. Einen Moment lang hatte sie geglaubt, Horsts Hand wieder zu spüren. Horsts Hand an ihrer linken Brust, die es nicht mehr gab.<br />
Wo war ihre Brust nun, ihre linke, besondere, mit dem kleinen Leberfleck am oberen äußeren Rande?<br />
‚Wie dumm’, dachte sie. Aufgefahren in den Himmel. Durch den Schlot eines Pathologiekrematoriums. Wie feiner Staub hatte sie sich über die Stadt gelegt. War überall. Auch hier. Dunkler, fettiger Ruß auf den glänzenden Gleisen.<br />
Und die Fingerabdrücke? Sie waren mit verbrannt. Treu. Fingerabdrücke ihrer großen Liebe. Als wäre ihr ein Beweisstück abhanden gekommen. Und unwillkürlich fasste sie sich an die rechte Brust, wie um sich zu vergewissern, dass ein Teil ihrer unverwechselbaren „Identimität“ noch vorhanden war. Sie lächelte über die wie ein Geysir aufgeschossene Wortschöpfung.</p>
<p>Unvermittelt ging sie, so schnell sie konnte, die Treppe hinauf. Verschwand hinter einer Anschlagtafel und studierte geistesverloren den Abfahrtsplan. Fast unverändert! Das gelbe Papier, die Symbole, der Schrifttyp. Man konnte sie erkennen, wenn man den Blick improvisieren ließ, nach all den Jahrzehnten: Beständigkeit.<br />
Niemand sah sie, als sie die Ohren mit den Händen bedeckte und sich mit den Zeigefingerkuppen auf dem Tragus vor dem Kreischen der Bremsen des einlaufenden Zuges schützte. Wie versteinert stand sie da. Bis der Zug längst abgefahren und seine roten Rückleuchten verschwunden waren.<br />
Als sie ganz sicher war, dass nichts mehr von dem Zug zu sehen war, ging sie wieder die Treppe hinunter. Drehte sich in die Richtung des abgefahrenen Zuges und schloß die Augen. Sie spürte seine Hand auf der linken Brust und seinen sich langsam beruhigenden Atem.<br />
„Ach, Horst!“</p>
<p>Horst war so anders als die Verehrer ihrer Mutter. Anders als ihr Vater. Nichts an ihm schien ihr konventionell, nichts Spiel. Er war mit Blumen undenkbar. Undenkbar, dass er jemals pünktlich wäre.<br />
Horst war da und nicht da. Ohne Übergang. Wie her- und fortgezaubert. Wie an jenem Juniabend.<br />
Sie saß in der Kirche und übte an der Orgel. Bach. Und wieder Bach. Und wie mechanisch reproduzierten ihre Finger und Füße jahrhundertealte Melodien, reihten sich ein in Heere von Händen, die über Tasten glitten, uralte, vertrocknete Greisenhände, kräftige Kantorsknöchel, zarte Kinderhände, die gerade mit Ehrfurcht den ersten Anschlag vernahmen.<br />
Alle spielten Bach. Und die Kirche barst vor dem Echo der tausendfältigen Harmonie. Sie spielte. Und verlor sich. Und war froh sich zu verlieren. Suchte sich nicht wie ihre Mutter in den Zuhörern. Alles, was sie brauchte, war das Berühren der Tastatur und der Pedale.<br />
Wie zuckte sie zusammen, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte! Sekundenschnell fuhr sie herum. Da stand er. Sah sie an. Sprach kein Wort. Rutschte dann zu ihr auf die Bank und begann zu spielen. Deutete ihr an mitzuspielen. Unsicher griff sie einige Takte. Und er variierte in unglaublich zartfühlender Bewegung Fragmente, die wie Schattenrisse dem Gespielten Tiefe und Dimension gaben.</p>
<p>Sie saßen wohl Stunden dort. Eine? Zwei? Sie wusste es nicht. Zeit war nicht mehr bestimmbar. Sie spürte nur, wie ihr Atem schneller ging, unregelmäßiger. Als gelte es, eine riesige Stufe zu erklimmen. Irgendwann sah sie sich als einen der Engel am Orgelprospekt. Ihr goldenes Hemd flatterte im Wind des Blasebalgs.</p>
<p>Was folgte war eine Fuge. Unübersehbar und berechenbar. Mathematisch, archaisch. Und fern von jener beißenden individualistischen Art des Elternhauses, die sich vorgab, ohne nur jemals einen einzigen Schatten geworfen zu haben. Sie schritt nicht mehr, sie tanzte. Sie sprach nicht mehr, sie sang. Sie lebte nicht mehr, sie liebte.</p>
<p>Willkommen und Abschied. Will kommen. Und: Abschied wird kommen&#8230; Will kommen und Abschied. Abschied und will kommen. Schied ab. Und Abkommen. Und will, will, will kommen!<br />
Goethe lebte. Aus allen Fugen.</p>
<p>An jenem Abend besuchten sie ein Konzert im nahen Dom. Die Orgel war gerade notdürftig in Stand gesetzt. Sie freute sich darauf, in dem alten, hohen gotischen Gewölbe zu lauschen. Der Zug fuhr holprig. Und sie fuhren zusammen. Das erste Mal. Und seine Finger lagen auf ihrer linken Brust. Wie Esskastanien in einer winterlich fröstelnden Hand.</p>
<p>Der Bahnsteig war leer. Wie gefegt. Eine Kehrschaufel voll Menschen war verladen worden für eine Zeitreise. Reise auf Zeit. Dann würden sie vielleicht wiederkommen. Wie ein Motiv, eine Variation.</p>
<p>Vor dem Bahnhof schwirrten noch immer die Rotorblätter des blauen Lichtes lautlos wie Fledermäuse durch die Nacht. Doch nein, sie taumelten nicht, schnitten ebenmäßig, wie technische Zeichner kühle Blässe in das Relief ermattender Geschäftigkeit.</p>
<p>Immer mehr Bilder und Erinnerungen fielen ein, stürmten ungestüm durch ihre Gedanken, wirbelten zusammenhanglos im Kreis, ja, wie die elektrisch angetriebene Anzeigetafel die Reiseziele in Sekundenschnelle verblätterte.<br />
Sie hätte nicht gewusst, welches Ziel ihr jetzt angenehm gewesen wäre.<br />
Ein dunkelblau gekleideter Arbeiter mit einem großen, zangenähnlichen Werkzeug schritt umsichtig über die Gleise und verschwand in einem Schuppen. Ob er Sehnsucht hätte nach all den Zielen, unter deren Anschlag er Tag für Tag arbeitete? Warszawa, Paris, Roma, Wien?<br />
Vielleicht verbanden sich für ihn gar keine Assoziationen mit diesen Namen. Sicher, er würde diese Namen gehört haben. Aber nichts verbände er damit. So wenig wie mit Bach oder einer Fuge.<br />
Der Gedanke machte sie traurig. Sie griff in die eingeritzten Buchstaben der Bankplanke, als könnte sie sich dort festhalten.<br />
Wenn sie ihre Bilder anhielt, ihre Aufmerksamkeit einrasten ließ, wie das nächstgültige Reiseziel, veränderte sich augenblicklich die Welt. Es gab keine Welt, die die Gebote der Bilder hätte missachten können. Sofort patrouillierende Stimmungen sorgten für eine sich ändernde Wahrnehmung.<br />
In ihren Pupillen verfing sich das blaue Licht des Bahnhofsvorplatzes. Ganz langsam setzte sie sich in Bewegung. Wie eine Marionette, deren Fäden sortiert und probehalber bewegt werden. Dann ging sie langsam, aber unaufhaltsam, magisch geführt die Treppe zur Bahnhofshalle empor. Die Pferde auf einer Zigarettenleuchtreklame neben den Stufen galoppierten ohne einen Ton. Unbewegt wie ein Sternbild.<br />
Sie durchquerte die mittlerweile fast menschenleere Halle und drückte die Schwingtür zum Vorplatz auf.</p>
<p>Als hätten sich alle Bahnhofspassanten zu einem Knäuel kontrahiert, stand eine Menschentraube um einen älteren Mann, der scheinbar leblos auf dem Boden lag. Ein Notarzt bearbeitete heftig seinen Brustkorb, während ihm ein anderer mit einem beutelähnlichen Gerät Luft in Mund und Nase blies.<br />
Sie starrte auf das Gesicht des Mannes. Seine Augen schienen endlos aufgerissen, krampfhaft gehalten und doch ganz ohne Spannung. Eine bläuliche Farbe lag auf Gesicht und Händen. Die Arbeit der sich hektisch bewegenden Helfer schien ihr so selbstverständlich wie deplaziert. Die ganze Szene wirkte wie ein Aufbegehren, ein letztes Crescendo vor dem Schlussakkord eines großen Konzertes.</p>
<p>Sie konnte sich der Szene nicht entziehen. Bahnte sich langsam einen Weg durch die Umstehenden, bis sie ganz nah an die drei Protagonisten herangerückt war.<br />
Wie sorgfältig der alte Mann gekleidet war! Wie gerade der Scheitel saß, das Kinn so glatt rasiert, der Schlips mit Liebe gebunden.<br />
Sie sah ihn vor Stunden am Spiegel stehen. Mit etwas ungelenk gewordenen, vielleicht schmerzenden Fingergelenken hatte er seinen Schlips gebunden. Mit jahrzehntelang geübtem Duktus. Hatte den Knoten dann sorgsam angezogen. Zum letzten Mal?<br />
Ihr Blick verschwamm. Eine tiefe Sanftmut durchströmte sie. Niederkniend nahm sie ganz verstohlen eine Hand des alten Mannes.</p>
<p>„Horst“, murmelte sie. „Horst“.</p>
<p>Die Umstehenden wichen leicht zurück vor der angedeuteten Vertrautheit. Die Helfer stutzten. Ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. Kamen nur kurzzeitig aus dem Takt ihrer rhythmischen Tätigkeit.<br />
„Sie kennen den Herrn?“</p>
<p>Eine Träne lief ihr über die Wange.<br />
Die Frage verhallte und nahm sich taktvoll vollständig zurück. Ein Sanitäter hatte mittlerweile eine Trage direkt neben den alten Herrn bugsiert. Alle drei Helfer hoben ihn blitzschnell und gekonnt an. Dann schob einer sie sacht beiseite und raunte ihr zu: „Wollen Sie mitkommen?“<br />
Sie nickte. Stieg nach vorn in den rot- weißen Mercedes- Hochbau. Ließ sich vorsichtig nieder auf dem schon recht durchgesessenen Beifahrersitz und fühlte eine langsam hochkriechende Stimmigkeit. Eine Ahnung der Wahrheit, die der Trauer stets vorangeht.</p>
<p>Ja, vielleicht war es so gewesen.</p>
<p>Mit lautem Horn jagte der Wagen durch die nun vollendete Dunkelheit. Leuchtreklamen, Ampeln, Straßenlaternen und das blaue, flirrende Licht – die Geschwindigkeit ließ alles an ihr vorbeiziehen wie die Spur eines Kometen.<br />
Die Nacht war klar. Orion, der Jäger, stand scheinbar unbewegt über ihnen, während der Notarztwagen wie ein Pfeil die Straße entlangschoß.</p>
<p>Zu spät. Die Geschichte war schon geschrieben. Unauslöschlich zum Bild geronnen.</p>
<p>Während der Wagen nun seine Fahrt verlangsamte und in eine Krankenhauszufahrt einbog, hörte sie deutlicher die im hinteren Wagenteil nach wie vor fortgesetzten Tätigkeiten der übrigen Helfer. Dann ging alles ganz schnell. Rufe schallten aus einer scheunentorähnlichen Öffnung des Krankenhauses. Weißgekleidetes Personal stand im Neonlicht mit einem Rollwagen bereit. Ehe dass sie sich versah, war der alte Herr in einem Aufzug verschwunden.<br />
„Kommen Sie!“, sagte einer der Helfer. Geleitete sie zu einem kleineren Lift und brachte sie zur Intensivstation.<br />
„Warten Sie dort!“ Und er wies auf eine Reihe von Sitzbänken. „Sie bekommen Bescheid. Sobald als möglich.“<br />
Sie setzte sich. Der als Warteraum genutzte Flur vor der Intensivstation war fast leer. Nur hin und wieder segelte eine weiße Gestalt eilig vorbei.</p>
<p>Vielleicht war es so gewesen.</p>
<p>Sie versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Sie klebten zusammen, wie der Inhalt einer feucht gewordenen Bonbonniere. Der Raum ließ durch seine Kargheit keine Möglichkeit des Ausweichens. Sie löste das Verklebte, assimilierte es und spann einen feinen Faden zu einem Kokon, in dem sich eine von ihr nicht geahnte Veränderung vorbereiten sollte.</p>
<p>Jetzt ging die Tür zur Intensivstation wieder auf.<br />
„Wollen Sie zu ihrem Mann kommen?“<br />
Sie nickte. Ergeben folgte sie dem freundlich bemühten Pfleger in eine Box, in der drei Betten durch Vorhänge – wie Engelsflügel – separiert wurden. Monitore piepten. Kabel über Kabel waren mit dem alten Herrn verbunden. Er atmete unregelmäßig. Seine Augen waren geschlossen. Ein junger Assistenzarzt schob ihr einen Stuhl neben das Bett. Dann raunte er ihr zu: „Es sieht nicht gut aus. Bleiben Sie erst einmal hier. Wir sprechen dann später.“</p>
<p>Die Sauerstoffsonde hatte das Blau aus Gesicht und Händen vertrieben. Reglos und beklommen saß sie neben dem Bett. Dann nahm sie vorsichtig die Hand des alten Mannes und hielt sie ganz sanft in der ihren. Ob er sie bemerken würde? Ihre langsam auf ihn übergehende Wärme?<br />
Er rührte keinen Muskel. Ganz vorsichtig meißelte sie mit kaum wahrnehmbaren Wimpernschlägen ein Bild seines Gesichtes in ihr Gedächtnis. Es füllte langsam einen freigebliebenen Raum.</p>
<p>Viel später erhob sie sich.<br />
Auf einem Visitenwagen sah sie eine Kurve liegen. ‚ Heinrich Rei&#8230;’ las sie im Vorbeigehen.<br />
Der junge Arzt kam wieder auf sie zu.<br />
„Wollen Sie bleiben? Oder sollen wir Sie anrufen?“<br />
„Haben Sie die Nummer?“<br />
„Ja, wir haben sie in den Papieren gefunden.“<br />
„Rufen Sie mich an. Ich muss einen Moment nach Hause.“</p>
<p>Jeden Tag las sie die regionalen Tageszeitungen. Bis sie Gewissheit hatte. Der schwarze Rand legte sich wie ein Rahmen um sie.</p>
<p>Wie lange sie nicht mehr in der Kirche gewesen war! Doch den Geruch nahm sie sofort vertraut auf. Dieser kühle Geruch, in den ein Hauch Weihrauch und Lilie gemischt war. Und die Stille. Stille, die nur ausgewählte Laute zuließ. Redliche Worte und Töne. Wie ein Siebdruckkasten, in den Farbe gleichmäßig flächig gespachtelt wird. So oft man den Vorgang wiederholt, und gleich, mit welcher Stimmung die Rakel geführt wird, steht ‚Hosianna’ auf dem bedruckten Papier.</p>
<p>Sie war dunkel gekleidet. Wie alle anderen der spärlichen Trauergemeinde. Saß abseits, neben einer Säule. Fast verdeckt.<br />
Ein etwa fünfunddreißigjähriger Priester versuchte ein Bild zu zeichnen. Sprach von Schlaf und Erwachen. Pastell auf Bütten. Die Worte gingen unter, verschwanden konturlos in der Harmonie, umspielten als vertraute Laute Nervenzellen, die zu allen Sinnen kurzgeschlossen waren. Weich flossen die Lieder in den Brunnenschacht vorbewussten Ursprungs. Die Orgel spielte gedämpft, als wollte sie sich verstecken. Doch in ihr gruppierten sich die schamvoll angeschlagenen Noten um zur 565 (BWV).</p>
<p>Der Trauerzug hatte sich schnell formiert. Der alte Herr schien allein gelebt zu haben. Ein paar gleichaltrige Herren gingen hinter dem Sarg, dann folgten mittelaltrige Frauen und Männer, die Kinder, oder Neffen und Nichten sein mochten. Sie ging als Letzte.</p>
<p>Der Himmel war herrlich klar. Die Luft schlug sanft an die Haut wie Blattgold auf eine Grundierung. Die Gruft war mit Tannengrün umlegt, schräg, als zöge sich eine Spirale langsam in die Tiefe. Ockergelb, stumpf und schwer nahm der leicht konkav, girlandenförmig abgestochene Lehmboden die tiefstehenden Sonnenstrahlen auf. Drei Holme lagen wie ein Dachstuhl über dem ausgegrabenen Haus. Leinenfarbene Seile ringelten sich quer über die Nachbarbeete.<br />
Sechs ältere Herren mit Zylinder und schwarzen Anzügen trugen den schlichten Eichensarg heran und setzten ihn auf die Holme. Dann folgte die Aussegnung. Der Sarg wurde vorsichtig mit den Seilen herabgelassen. Fast schwebte er davon.</p>
<p>„Gedenke, oh Mensch, dass du vom Staub genommen bist und zum Staub zurückkehrst.“<br />
‚Ja’, dachte sie, ‚das habe ich schon gemerkt.’<br />
Nach und nach zogen alle Trauernden an dem offenen Grab vorbei, nahmen eine Schaufel voll Erde und ließen sie auf das Grab fallen.<br />
Sie schloss die Augen. Ein dumpfes Geräusch ließ sie zusammenzucken. Am Schreibtisch sitzend war sie vollkommen in ihren Gedanken versunken gewesen. ‚Tuck’. Sie drehte ruckartig den Kopf herum zum Fenster. Ein Schneeball, oder besser gesagt: die Reste eines Schneeballs klebten mitten auf der Scheibe. Und hinter der entlaubten Buchenhecke, an der Straße stand Horst und wedelte wie verrückt mit den Armen.</p>
<p>Sie setzte sich langsam in Bewegung. Die übrigen Trauernden standen schon verklumpt, schüttelten sich diskret die Hände und tuschelten. Dann stand auch sie an dem kleinen Behälter mit Erde, in dem eine schlanke, kleine Schaufel steckte. Sie zögerte. Dann öffnete sie langsam die Handtasche und drehte sie um. Wie ein Taubenschwarm flatterten kleine Papierrechtecke in die Tiefe, es mochten Hunderte sein. Lagen auf dem Sargdeckel wie von einem Blumenmädchen bei einer Hochzeit verstreut. Kleine Papiere! Und wenn man genau hinsah, waren es Automatenfahrscheine der Bundesbahn.</p>
<p>Sie wartete nicht die Ratlosigkeit auf den Gesichtern ab. Erleichtert und müde ging sie den Hauptweg zum Friedhofstor zurück. Die Luft schien ihr noch klarer geworden.<br />
Neben den schmiedeeisernen Toren waren hohe Taxushecken gepflanzt. Sie durchschritt die für den Trauerzug weit geöffneten Flügel und stand auf einem kleinen Platz. In der Mitte, in einem Rondell, stand ein großer Ginkgobaum. Sie musste lächeln. Wie ein Zepter stand er da. Diesseits des Friedhofs. Gelb waren seine Blätter, leuchtendgelb. Während fast alle anderen Bäume schon kahl waren, hielt der Ginkgo an ihnen fest, scheinbar unbeirrbar. Nur ein kleiner Teil war wie ein Blumenteppich auf dem Pflaster verstreut. Sie bückte sich, nahm eines auf und schob es unter ihren Pullover in die linke Brusttasche ihrer Bluse. ‚Ginkgo biloba’, murmelte sie.</p>
<p>Ihre Gesichtszüge ruhten. Dann fuhren sie schelmisch an. Sie steckte vorsichtig Daumen und Zeigefinger der linken Hand zu einem Kreis geschlossen in den leicht geöffneten Mund vor die zurückgebogene Zunge. Ein gellender Pfiff ließ ein Heer von Tauben verschreckt auffahren. Als führe eine riesige Hand durch die wirren Haare der Ginkgozweige.</p>
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